Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie
    (ISSN 1430-6972)
    IP-GIPT DAS=14.08.2022 Internet-Erstausgabe, letzte Änderung: 02.09.22
    Impressum: Diplom-PsychologInnen Irmgard Rathsmann-Sponsel und Dr. phil. Rudolf Sponsel
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    Anfang  Külpe Gewissheit und Evidenz in Die Realisierung I, II, III_Datenschutz_Übersicht_ Relativ Beständiges_ Relativ Aktuelles_Titelblatt_ Konzeption_Archiv_   Region_ Service_iec-verlag_ Wichtige Hinweise zu Links und Empfehlungen


    Willkommen in unserer Internet-Publikation für Allgemeine und integrative Psychotherapie, Abteilung Forschung, Bereich Begriffsanalysen und hier speziell zum Thema :

    Gewissheit und Evidenz bei Külpe in den drei Bänden Die Realisierung
    Ein Beitrag zur Grundlegung der Realwissenschaften


    Kurzbiographie Universität Würzburg

    Recherche von Rudolf Sponsel, Erlangen

    Hintergrund und Ziele des Werkes

    Zum Hintergrund und den Zielen des Werkes gibt das Vorwort des ersten Bandes Auskunft - und danach die Einleitung (fett-kursive Hervorhebung RS):
     

      "Vorwort.

      Hiermit übergebe ich der Öffentlichkeit den ersten eines auf vier Bände berechneten Werkes über den in allen Realwissenschaften üblichen Prozeß einer Setzung und Bestimmung von Realitäten. Außer der für alles weitere grundlegenden und programmatischen Einleitung enthält er eine Untersuchung über die Zulässigkeit der allgemeinen Realisierung, d. h. der bloßen Setzung realer Objekte. Dies Verfahren wird durch eine Zurückweisung der Einwände des Konszientialismus  und des objektiven Idealismus, die mit Bewußtseinsinhalten oder mit idealen Objekten alle Bedürfnisse der empirischen Erkenntnis bestreiten zu können glauben, ausreichend sichergestellt.
          Der zweite Band wird die Aufgabe haben darzulegen, wie die allgemeine Realisierung in den in Betracht kommenden Wissenschaften möglich ist bezw. welche Gründe oder Kriterien dazu führen. Der dritte Band wird die Auseinandersetzung mit dem  Phänomenalismus, der die Bestimmung der Realitäten, die spezielle Realisierung, für unzulässig erklärt, und die erkenntnistheoretische Würdigung des Denkens als der Funktion bringen, ohne die es eine Realisierung nicht gäbe. Der letzte Band endlich soll die besonderen Formen und Kriterien der Bestimmung von Realitäten entwickeln. Da
      sich der vor vierzehn Jahren konzipierte Grundgedanke und der bald darauf genauer ausgeführte Plan im ersten Entwurf des Ganzen, den ich vor einigen Jahren beenden konnte, bewährt haben, glaubte ich nach wiederholter Durcharbeitung [>VI] an die Veröffentlichung jetzt herantreten zu dürfen, obwohl ich über die Frist noch nichts bestimmen kann, die bis zur Ausgabe der folgenden Bände verstreichen wird."

      Einleitung.
      1. Wirklichkeit und Realität.

      Niemand zweifelt daran, daß alles, was uns, gegeben ist, die Gesamtheit unserer Erfahrung,- Inhalt unseres Bewußtseins, „Wirklichkeit" in diesem Sinn ist: Empfindungen und Vorstellungen, Gefühle und Willensregungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen, Phantasiebilder und' Gedanken. Aber ebenso
      zweifellos ist, daß diese Wirklichkeit nicht der einzige Gegenstand unseres Wissens bleibt, sondern daß wir in vielen Wissenschaften (wir brauchen nur ein Lehrbuch der Physiologie oder der Geographie oder der Geschichte aufzuschlagen) ebenso wie im täglichen Leben oder im gewöhnlichen
      Gebrauch unseres Verstandes von Gegenständen reden, die nicht zu dieser „Wirklichkeit", d.h. zu den Inhalten unseres Bewußtseins gehören. Wir sind weit entfernt davon, unsere körperliche Umgebung, die Stadt, in der wir leben, die Menschen, mit denen wir verkehren, für bloße Inhalte unseres Bewußtseins zu halten. Wir schreiben ihnen Existenz zu, auch wenn sie nicht in unserer Wirklichkeit gegeben sind 1), wir legen ihnen Eigenschaften
      bei, die wir selbst an ihnen nicht erleben oder erleben können. Wir scheuen uns nicht, Länder und Weltteile anzuerkennen, die wir nie besucht haben und von denen wir überhaupt keine unmittelbare Erfahrung gewinnen. Wir erfüllen vergangene Zeiten, die weit hinter uns liegen, mit Personen und Ereignissen, wir beseelen unsere Mitmenschen mit [>] einem Innenleben, das der Natur der Sache nach niemals für unser Bewußtsein vorhanden sein kann. Ja, unsern eigenen Bewußtseinsinhalten legen wir eine unbewußte seelische Potenz zugrunde, indem wir allerlei Tendenzen und Dispositionen wirksam denken, die als Gedächtnis oder Phantasie, als Verstand oder Wille, als Gemüt oder Charakter die gestaltenden Prinzipien für all das abgeben, was in der Wirklichkeit des Bewußtseins sich ereignet. Nennen wir alle diese Gegenstände Real it äten, so erhebt sich die Frage, wie wir dazu kommen, das enge Reich unserer Bewußtseinswirklichkeit zu überschreiten und solche Realitäten zu setzen und zu bestimmen.

      2. Die Berechtigung der Setzung und Bestimmung von Realitäten.

          Bei dieser Frage handelt es sich nicht um den tatsächlichen, in unserm Bewußtsein sich vollziehenden Prozeß dieser Setzung und Bestimmung. Das ist eine besondere Frage der Psychologie, die über die Berechtigung nicht entscheidet, weil das auch dann einen Sinn hätte und zu den gleichen Ergebnissen
      führte, wenn dieser Prozeß ganz unberechtigt, ein bloßer Schein, eine Illusion oder Lüge wäre. Wir wollen vielmehr feststellen; ob und inwiefern die Setzung und Bestimmung von Realitäten zu Recht besteht und geübt wird. Nicht auf die zufälligen Motive und Akte, die dabei beteiligt sind, wenn wir in der Wissenschaft oder im Leben Existenzen und Wesen annehmen, sondern auf die Gründe und das Recht dieses Verfahrens ist unsere Untersuchung gerichtet. Darum interessiert uns auch nicht die Manhigfaltigkeit realistischer Versuche, wie sie hier und dort von diesem und jenem unternommen werden, sondern die von aller individuellen Eigenart und Kunst unabhängige allgemeingültige Form, in der sich der Realismus bewegen muß, wenn und sofern er eine berechtigte Methode des Denkens und Erkennens soll genannt werden können. Der Realismus ist uns nicht ein psychologisches, sondern ein erkenntnistheoretisches Problem, das allen Realwissenschaften und damit auch der Psychologie zugrunde liegt. Dieses Problem aber zerfällt in vier Teilprobleme:
      _

      3. Die vier Teilprobleme des Realismus.

          1. Ist eine Setzung von Realitäten möglich (gegen den Konszientialismus)?
          2. Wie ist eine solche Setzung möglich?
          3. Ist eine Bestimmung von Realitäten möglich (gegen den Phänomenalismus)?
          4. Wie ist eine solche Bestimmung möglich?

          Von diesen Fragen sind die drei ersten in vorangegangenen Untersuchungen behandelt worden. Wir haben es hier mit der letzten, der vierten, zu tun: Wie ist eine Bestimmung von Realitäten möglich?"

      Zum Realitätsbegriff seiner Arbeit führt Külpe unter 4.  aus (fett-kursiv RS):

      "Die Frage nach der Möglichkeit einer Setzung von Realitäten hat zu einem relativ einfachen Resultat geführt. Als Realität, so etwa, wie wir es allgemein ausdrücken, ist dasjenige in der Natur und in dem Geistesleben zu setzen, was und sofern es von unserem Bewußtsein unabhängig sich erweist. Die Realität ist das Substrat selbständiger Gesetzlichkeit der Wahrnehmungen und sonstiger Bewußtseinsinhalte. Dabei kann dieses Substrat innerhalb oder außerhalb des psychophysischen Subjekts gesucht werden müssen. Je nachdem haben wir es mit Außenwelt oder Innenwelt, mit Natur oder Seele zu tun. Dieses allgemeine Ergebnis des Setzungsproblems bildet natürlich die Grundlage und Voraussetzung für die Bestimmung der Realität. Es handelt sich also bei dieser um eine Angabe des Wesens eines Substrats selbständiger Gesetzlichkeit von Bewußtseinsinhalten."
       
       


    Külpe, Oswald (1912) Die Realisierung I. Ein Beitrag zur Grundlegung der Realwissenschaften. Leipzig: Hirzel.
    [Intern PDFs: EogDart/EBooks/PsychologiePDF/Geschichte/....]
    PDF des Inhaltsverzeichnisses.

    Ingesamt habe ich den Eindruck dass Külpe hin- und her schwankt zwischen der zwar von niemand bestrittenen aber auch wenig fundiert entwickelten subjektiven Gewissheit und der objektiven. Wie man von der subjektiven zur objektiven Gewissheit gelangt bleibt ebenso unklar wie der Begriff Gewissheit und seine zahlreichen Erscheinungsformen und Varianten selbst. Auch die Beziehung zwischen Gewissheit und Evidenz bleibt ungeklärt. Külpe hat kein richtiges Verständnis von der Notwendigkeit klarer Begriffe und ihrer Referenzierung. Vielleicht hätte er besser als Psychologe und nicht als Erkenntnistheoretiker und Philosoph schreiben sollen, denn da hatte er als Wundtschüler und Begründer der Würzburger Schule der Denkpsychoilogie  ja wirklich etwas drauf. > Ausührliche Analyse mit Fundstellenbelegen in ausgelagerter Datei.

    Zusammenfassung-Külpe-Realisierung-I: Der erste Band hat kein Sachregister. "Gewißheit" wird 62 mal gefunden. "Gewiß" wird 87x gefunden.
    Külpe hätte an der ersten Stelle, S.28, wo er den Begriff der Gewißheit das erste mal verwendet, erklären müssen, was er unter Gewißheit versteht, was er nicht macht, auch nicht durch Querverweis, Fußnote, Anmerkung oder Literaturhinweis (>Grundregeln Begriffe). Das setzt sich leider in den weiteren Fundstellen fort: S.48:  "1. Die Evidenz der Wahrnehmung ist in den empirischen Wissenschaften als die einzige Trägerin einer Gewißheit der Erkenntnis anzusehen.  ..." Spätestens hier hätte Külpe nicht nur erklären müssen, was er unter Gewißheit, sondern auch was er unter  Evidenz  (> Begriffsverschiebebahnhöfe) versteht. So zumindest hat es Aristoteles bereits 2200 Jahren vor Külpe gefordert:

       
      "... Nun müssen diejenigen, 
      welche ihre Gedanken untereinander austauschen wollen, 
      etwas voneinander verstehen; 
      denn wie könnte denn,
      wenn dies nicht stattfindet,
      ein gegenseitiger Gedankenaustausch (...)
      möglich sein? 
      Es muß also jedes Wort (...) bekannt sein
      und etwas, und zwar eins
      und nicht mehreres, bezeichnen;
      hat es mehrere Bedeutungen, 
      so muß man erklären, 
      in welcher von diesen man das Wort gebraucht. ..."

       Aus: Aristoteles (384-322) Metaphysik. 11. Buch, 5 Kap., S. 244 (Rowohlts Klassiker 1966)

      Leider verstehen viele Philosophen, Juristen, Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaftler auch nach 2300 Jahren Aristoteles immer noch nicht, wie Wissenschaft elementar funktionieren muss: Wer wichtige Begriffe gebraucht, muss sie beim ersten Gebrauch (Grundregeln Begriffe) klar und verständlich erklären und vor allem auch  referenzieren  können, sonst bleibt alles Schwall und Rauch (sch^3-Syndrom). Wer über irgendeinen Sachverhalt etwas sagen und herausfinden will, der muss zunächst erklären, wie er diesen Sachverhalt begrifflich fasst, auch wenn dies manchmal nicht einfach ist. Wer also über Gewissheit etwas sagen und herausfinden will, der muss zunächst erklären, was er unter "Gewissheit" verstehen will. Das ist zwar nicht einfach, aber wenn die Philosophie eine Wissenschaft wäre und und die PhilosophInnen Aristoteles ernst nehmen würden, dann hätten sie das in ihrer 2300jährigen Geschichte längst zustande bringen müssen. Im übrigen sind informative Prädikationen mit Beispielen und Gegenbeispielen immer möglich, wenn keine vollständige oder richtige Definition gelingt (Beispiel Gewissheit  und  Evidenz).
      _
    S.50 führt Külpe eine Steigerungsform, nämlich volle Gewißheit ein, ohne nähere Erklärungen, wie er dazu kommt, volle Gewißheit von  quasi einfacher - Gewißheit zu unterscheiden und wie man zum Urteil volle Gewißheit gelangen kann. S. 62: fasst Külpe zusammen: "Sie [die Gewißheit] hat darum weder den Charakter [>63] einer objektiven noch den einer allgemeingültigen Erkenntnis. Sie verbürgt nicht die Richtigkeit ihrer Angaben, und sie ermöglicht nicht die unmittelbare Teilnahme anderer an der nämlichen Konstatierung. ... Sie versagt bei niederen Bewußtseinsstufen, beim fremden Seelenleben, bei feineren und detaillierten Angaben, und sie ist keine absolut sichere Grundlage der Erkenntnis, auf die man sich blindlings verlassen könnte, nicht schlechthin letzte Instanz, über die hinaus kein Fragen, Prüfen und Zweifeln denkbar wäre."
    S.202:  "b) Die höchsten Ideale der Wissenschaft sind Gewißheit, Allgemeingültigkeit und Einfachheit." Das ist eine homukuleske  Formulierung, "die" Wissenschaft ist kein Subjekt, das Ideale hat, sondern es sind Külpes Ideale, die er der Wissenschaft zuordnet. Es sieht so, aus als hielte Külpe Gewißheit und Evidenz für allgemeinenverständliche und nicht weiter erklärungsbedürftige Grundbegriffe. Wenn es so wäre, dann hätte er das wenigstens sagen müssen.
    208: Die Gewißheit der Wahrnehmung ist wie die mit ihre verbundene Evidenz nicht kritisch differenziert worden. Es fehlt vor allem an operationalen Beispielen und echten empirischen Untersuchungen. Die Argumentationen sind viel allgemein-abstrakt. Es ist nach wie vor unklar, was die Gewissheit zur Gewissheit macht, wodurch das zustande kommt und wie man es prüfen und evaluieren kann.
    Ende Zusammenfassung I.

        Im Inhaltsverzeichnis finden sich folgende Einträge:

    Fundstellen im Text Realisierung I
     
    Külpe, Oswald (1920) Die Realisierung II. Ein Beitrag zur Grundlegung der Realwissenschaften. Leipzig: Hirzel.
    [Intern PDFs: EogDart/EBooks/PsychologiePDF/Geschichte/....]
    PDF des Inhaltsverzeichnisses.

    Zusammenfassung-Külpe-Realisierung-II: Külpe im Vorwort des ersten Bandes: "Der zweite Band wird die Aufgabe haben darzulegen, wie die allgemeine Realisierung in den in Betracht kommenden Wissenschaften möglich ist bezw. welche Gründe oder Kriterien dazu führen." Auch der zweite Band hat kein Sachregister. "Gewiß" wird 36x, Gewißheit wird 8 mal gefunden. Nachdem im ersten Band keine Klärung des Gewißheitsbegriffs erfolgt, ist wohl auch im 2. Band nicht damit zu rechnen. Die begrifflichen Ungenauigkeiten setzen sich fort.
     

        Kommentar-II-109f: Zellers Behauptungen sind für mich teilweise nicht nachvollziehbar. Zeller behauptet, dass jede Wahrnehmung auf der Kausalität zwischen Außenweltsachverhalt und Wahrnehmung beruht dergestalt, dass der Außenweltsachverhalt der Grund für die Wahrnehmung ist. Das ist erstens nicht immer so, weil es viele Außenweltsachverhalte gibt, die keine Wahrnehmung auslösen und zweitens muss die Wahrnehmungsschwelle überschritten werden, was auch nicht immer der Fall ist. Interessant ist die These unmittelbarer Gewißheit, deren Gründe uns nicht bewusst sein sollen. Sieht jemand einen Vogel, so ist nach dieser Theorie der Vogel der Grund für die Wahrnehmung (Kausalität Vogel - Wahrnehmungs des Vogels). Anders formuliert: ich kann den Vogel wahrnehmen, weil er da ist und meine Wahrnehmung funktioniert. Diesen Sachverhalt kann ich mir jederzeit ins Bewußtsein rufen. Aber es ist richtig, während der Wahrnehmungen ist dieses Bewußsein gewöhnlich nicht vorhanden, und daher nicht bewusst,  aber es lässt sich jederzeit aktivieren. Das Gewißheit nicht mit Wahrheit zusammenfällt oder zusammen fallen muss, ist sicher richtig und wichtig.


      S.204: Das formale Argument übersieht das viele Hypothetische und Problematische, was, abgesehen von der Setzung der Realitäten, bereits in der Wissenschaft enthalten ist. Das unmittelbar Gegebene als solches beansprucht allein volle Gewißheit, aber nur, weil es sich aller Kontrolle entzieht. Eine Wissenschaft, die nur dieses Gegebene zum Gegenstand hätte, wäre ein Unding, d. h. nur für ein Subjekt und die jeweilige Gegenwart vorhanden. Zieht man Aussagen über das Gegebene von verschiedenen Subjekten und für verschiedene Zeiten hinein, so hört die Gewißheit auf und befindet man sich im Reiche des Hypothetischen und Problematischen."
          Kommentar-II-204: Das unmittelbar Gegebene ist kein autonomes Subjekt und beansprucht daher gar nichts (homunkuleske Entgleisung mit falscher Begründung "weil es sich aller Kontrolle entzieht"). Subjektive Gewißheit lässt sich bei geeigneten Aufgaben leicht in objektive überführen und beweisen, z.B. Versuchsperon X. hat seine linke Hand gekrümmt, was beliebig viele hinzuzuziehnde BeobachterInnen bestätigen können. Will man den Vpn Aufwand schonen, kann man 1000enden auch ein Video vorliegen und fragen, wad die linke Hand von X. macht.

      S.234: "Wenn nun Kant gegen diese in der Hauptsache schon von Leibniz vertretene Ansicht geltend macht, daß sie die angewandte Mathematik nicht verstehen lasse, weil nicht einzusehen sei, wie subjektiv konstruierte Gebilde auch in der Wirklichkeit eine Rolle spielen sollen, so ist dem entgegenzuhalten,
      daß die Anwendung nur möglich ist, wo den konstruierten Gebilden gleichende in der Wirklichkeit gegeben sind. Übrigens hat die sogenannte Metageometrie eines Lobatschewski, Riemann u. a. gelehrt, daß der Anschauungsraum nicht mit dem realen Raum zusammenzufallen braucht, und daß daher auch die Anwendung nicht über allen Zweifel erhaben ist. Wenn die Frage aufgeworfen werden kann, ob zwei Parallelen im realen Raum sich nicht doch schließlich schneiden oder ob ein reales Dreieck nicht eine Winkelsumme von mehr oder weniger als 2 R hat, so ist schon in dieser Frage die apodiktische Gewißheit der angewandten Mathematik aufgehoben. Die moderne Entwicklung der Geometrie hat somit gerade einen der wichtigsten Punkte der Kantischen Lehre, die selbstverständliche Gültigkeit der Euklidischen Geometrie für die Erscheinungen aufgehoben. Außerdem kann auch hier wieder darauf hingewiesen werden, daß der Anschauungsraum nicht schlechthin der Raum der Geometrie und Naturwissenschaft ist. Sonst müßten auch alle Täuschungen, perspektivischen Veränderungen, Schwellenwerte in diesen Raum übergehen."
          Kommentar-II-234: Hier stellt Külpe die apodiktische Gewißheit der Mathematik mit guten Gründen in Frage (>Grundlagenstreit).

      S.290f: "In extensiver Beziehung bleibt nach dem siebenten Argument unsere Bestimmung der Realitäten eine unvollständige. Nach dem nächsten und letzten Argument ist sie [>291] auch in intensiver Beziehung zur Unvollkommenheit verurteilt, weil ihr die Gewißheit fehlt."
          Kommentar-II-290: Von welcher Gewißheit genau die Rede ist und warum sie fehlt, bleibt im Dunkeln.

      S.298: "c) Schluß.
      Wir stellen fest: Gegen Auswüchse des Realismus ist das Hypothesenargument von Wert, während es seine Kraft und Bedeutung verliert, sobald man ihm zugesteht, daß eine ewige Hypothese dem Realismus zugrunde liegt und innewohnt, aber freilich eine solche, die der Phänomenalismus auch bereits in sich aufgenommen hat. Infolge dieser Hypothese ist volle Gewißheit, Notwendigkeit und strenge Gültigkeit dem Realismus versagt, er bleibt somit in intensiver Beziehung hinter dem Ideal des Wissens zurück. Dagegen kann die Setzung und Bestimmung als solche nicht nur von einem geringeren auf einen höheren Grad der Wahrscheinlichkeit übergehen, sondern auch ein wirkliches Wissen werden. Aber auch die Erfahrung selbst, die Tatsache als solche ist und bleibt auch für den Konszientialismus  ein hypothetischer Faktor. Man darf daher den Realismus nicht darum einfach ablehnen, weil er eine Hypothese einschließt, zumal diese Hypothese als außerordentlich fruchtbar sich längst erwiesen hat."
          Kommentar-II-298: Der Realismus muss auf volle Gewißheit verzichten.
       

      Fundstellen "gewiß" in die Realisierung II
      "Gewiß" erzielt 36 Treffer, davon sind 8 Gewissheit abzuziehen, so dass 28 verbleiben.
      "Gewiß" wird meist in der Bedeutung wahr, zutreffend oder richtig verwendet.


       
       
       


    Külpe, Oswald (1923) Die Realisierung III. Ein Beitrag zur Grundlegung der Realwissenschaften. Aus dem Nachlaß von August Messer herausgegeben. Leipzig: Hirzel.
    [Intern PDFs: EogDart/EBooks/PsychologiePDF/Geschichte/....]
    PDF des Inhaltsverzeichnisses.

    Zusammenfassung-Külpe-Realisierung-III: Külpe im Vorwort des ersten Bandes: "Der dritte Band wird die Auseinandersetzung mit dem Phänomenalismus, der die Bestimmung der Realitäten, die spezielle Realisierung, für unzulässig erklärt, und die erkenntnistheoretische Würdigung des Denkens als der Funktion bringen, ohne die es eine Realisierung nicht gäbe." Auch der dritte Band, aus dem Nachlaß von Ausgust Messer herausgegeben, hat kein Sachregister. "Gewiß" wird 27x, Gewißheit nur ein mal gefunden:
     



    Gewissheit im Grundriß der Psychologie (1893)
    Eine Fundstelle "Ungewissheit" S. 264. "eviden" keine Fundstelle. "gewiss" 155 Fundstellen, darunter aber meist "gewisse(r,n)", "gewissermaßen".
    S.263: "7. Gewiss hat die entwickelte Anschauung denVortheil, quantitative Deductionen über den Grad der relativen Wohlgefälligkeit zuzulassen und
    eine directe Prüfungan derBeobachtung möglich zumachen."

    Evidenz bei Külpe

    Zusammenfassung-Evidenz-Külpe-I-II-III: Nachdem Külpe oft den Begriff der Evidenz im Zusammenhang mit Gewißheit verwendet, stellt sich natürlich die Frage, was Külpe unter Evidenz versteht. Ich erfasse und kommentiere die ersten 10 Fundstellen in Die Realisierung I:. Was bis dahin, immerhin 27 Seiten (S.29-55), begrifflich nicht geklärt ist, wird wohl auch weiterhin nicht geklärt werden.

      In  I. 99 Fundstellen zu Evidenz, 23 zu evident.
      In II. keine Fundstelle zu Evidenz, eine Fundstelle zu evident.
      In III. 2 Fundstellen zu Evidenz, keine zu evident.
      Külpe erklärt in den ersten 10 Funstellen, also
    Külpe erklärt den Begriff Evidenz in den ersten 10 Fundstellen, S.29-55, nicht. Ihm scheint ein Grundverständnis  wissenschaftlichen Arbeitens  (Grundregeln Begriffe) zu fehlen, dass man nämlich über die Sachverhalte und ihre Beziehungen, die Begriffe repräsentieren, nur etwas sagen kann, wenn die Begriffe geklärt sind, denn wie schon Aristoteles vor rund 2200 Jahren vor Külpe sagte::
       
      "... Nun müssen diejenigen, 
      welche ihre Gedanken untereinander austauschen wollen, 
      etwas voneinander verstehen; 
      denn wie könnte denn,
      wenn dies nicht stattfindet,
      ein gegenseitiger Gedankenaustausch (...)
      möglich sein? 
      Es muß also jedes Wort (...) bekannt sein
      und etwas, und zwar eins
      und nicht mehreres, bezeichnen;
      hat es mehrere Bedeutungen, 
      so muß man erklären, 
      in welcher von diesen man das Wort gebraucht. ..."

       Aus: Aristoteles (384-322) Metaphysik. 11. Buch, 5 Kap., S. 244 (Rowohlts Klassiker 1966)

      Leider verstehen viele Philosophen, Juristen, Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaftler auch nach 2300 Jahren Aristoteles immer noch nicht, wie Wissenschaft elementar funktionieren muss: Wer wichtige Begriffe gebraucht, muss sie beim ersten Gebrauch (Grundregeln Begriffe) klar und verständlich erklären und vor allem auch  referenzieren  können, sonst bleibt alles Schwall und Rauch (sch^3-Syndrom). Wer über irgendeinen Sachverhalt etwas sagen und herausfinden will, der muss zunächst erklären, wie er diesen Sachverhalt begrifflich fasst, auch wenn dies manchmal nicht einfach ist. Wer also über Gewissheit etwas sagen und herausfinden will, der muss zunächst erklären, was er unter "Gewissheit" verstehen will. Das ist zwar nicht einfach, aber wenn die Philosophie eine Wissenschaft wäre und und die PhilosophInnen Aristoteles ernst nehmen würden, dann hätten sie das in ihrer 2300jährigen Geschichte längst zustande bringen müssen. Im übrigen sind informative Prädikationen mit Beispielen und Gegenbeispielen immer möglich, wenn keine vollständige oder richtige Definition gelingt (Beispiel Gewissheit  und  Evidenz).


    Ende Zusammenfassung Evidenz

    I-S29: "2. Damit verbindet sich eine andere, gleichfalls antirealistische Tendenz, nämlich die Richtung auf Exaktheit, Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit, auf unbedingte Zuverlässigkeit und Gewißheit aller wissenschaftlichen Erkenntnis. Mathematik und mathematische Naturwissenschaft haben uns daran gewöhnt, die höchsten Anforderungen an die Strenge der Beweisführung, an einen logisch befriedigenden systematischen Aufbau, an eine lückenlose Ableitung aller Erkenntnis aus letzten Voraussetzungen von unmittelbar evidenter oder
    forderungsartiger Beschaffenheit, an eine notwendige und hinreichende Begründung aller Behauptungen in der Wissenschaft zu stellen."

      Kommentar-Evidenz-I-29: Hier benutzt Külpe zum ersten Mal das Wort evident und er verwendet es so als ob es klar nicht weiter erklärungs- oder begründungsbedürftig sei.


    I-S32: "Die Psychologie wurde zu einer Bewußtseinswissenschaft, die den Begriff des Unbewußten als unvollziehbar brandmarkte und sich allein auf die unmittelbare Evidenz der inneren Wahrnehmung stützen zu können und zu wollen erklärte. Sie war damit zugleich zu einer Lehre vom wahrhaft Seienden geworden und konnte sich als Philosophie und Metaphysik gebärden"

      Kommentar-Evidenz-I-32: Hier benutzt Külpe zum ersten Mal das Wort Evidenz und er verwendet es so als ob es klar nicht weiter erklärungs- oder begründungsbedürftig sei. Aus dem Zusammenhang lässt sich folgern: unmittelbare Evidenz ist das, was unmittelbare innere Wahrnehmung hervorbringt. Hier wären Beispiele hilfreich gewesen.


    I-S48: "1. Die Evidenz der Wahrnehmung ist in den empirischen Wissenschaften als die einzige Trägerin einer Gewißheit der Erkenntnis anzusehen. Aber nur die Bewußtseinstatsachen haben sich ihrer zu erfreuen. Wenn es daher überhaupt eine Realisierung soll geben können, die nicht bloß unsichere Spekulation und willkürliche Meinung wäre, so muß sie auf einer Aussage der Wahrnehmung beruhen. Das bedeutet aber nichts Geringeres als eine Aufgabe des Unterschieds zwischen dem Realen und der Wirklichkeit des Bewußtseins."

      Kommentar-Evidenz-I-32: Was Evidenz von Gewißheit unterscheidet, erklärt Külpe nicht.


    I-S50: Überschrift "1. Die Evidenz der Wahrnehmung und ihre Beziehung zum Problem der Realität.
    Schon von den Kyrenaikern wird uns berichtet, daß sie zwischen der Gewißheit der Sinneseindrücke, die sie anerkannten, und der Ungewißheit einer realistischen Beziehung der Empfindungen auf Naturobjekte außer uns als ihre Ursachen unterschieden hätten. Seitdem wird in der Erkenntnistheorie immer wieder als der archimedische Punkt betrachtet, auf den man alle Erfahrungswissenschaft zu gründen habe,
    daß ein unbezweifelbares Wissen in bezug auf die eigenen Bewußtseinsinhalte stattfinde. Die  Skeptiker  sogar haben davor Halt gemacht, indem sie nicht die Süßigkeit des Honigs, wie sie unmittelbar empfunden werde, bestreiten zu wollen erklärten, sondern ihre Skepsis nur gegen ein Ding, Honig genannt, das solche Beschaffenheiten an sich trüge, richten zu müssen behaupteten. Und als Augustin sich mit dieser Philosophenschule des Altertums auseinandersetzte, hat auch [>51] er die volle Gewißheit derjenigen Erkenntnis betont, welche wir von den eigenen Erlebnissen unseres Bewußtseins haben. Dieselbe Richtung hat dann auch  Descartes  „Cogito ergo sum" festgehalten, und bis in die modernste erkenntnistheoretische Literatur hinein finden wir die Selbstgewißheit der inneren Wahrnehmung als eine unerschütterliche Grundlage, als eine inappellable  letzte Instanz in der Wissenschaft anerkannt. So gibt es nach Volkelt_FN1) neben der Notwendigkeit unseres Denkens nur die Selbstgewißheit des Bewußtseins als eine schlechthin unbezweifelbare Stütze unserer Erkenntnis. Es wäre nach ihm sinnlos, eine Begründung dafür zu verlangen, daß ich ein völlig sicheres Wissen von meinen Bewußtseinstatsachen behaupten darf. Auch in der modernen Psychologie hat die Evidenz der inneren Wahrnehmung namentlich durch  Brentano  und seine Schule eine scharfsinnige Vertretung gefunden. Aus dieser ist die gründliche Untersuchung über den eigentlichen Sinn einer solchen Evidenz von H. Bergmann_FN2) hervorgegangen."

      R-I-FN-S51-1) Die Quellen der menschlichen Gewißheit, 1906.
      R-I-FN-S51-2) Untersuchungen zum Problem der Evidenz der inneren Wahrnehmung, 1908. Vgl. dazu die kritischen Bemerkungen von
      E. Dürr in seiner „Erkenntnistheorie", 1910 S. 27ff., die namentlich die psychologische Frage nach dem Wesen der innern Wahrnehmung
      erörtern und in ihr einen besonderen Akt erblicken, eine Ansicht, die auch wir vertreten."
      Kommentar-Evidenz-I-50: Man sollte erwarten, dass in dem Abschnitt erklärt wird, was es mit der Evidenz der Wahrnehmung auf sich hat. Im ersten zitierten Abschnitt ist dies nicht der Fall.


    I-S51: "a) Die Bedeutung der Selbstgewißheit des Bewußseins.
    Die beiden von uns bisher nicht ausdrücklich unterschiedenen Begriffe einer Evidenz der inneren Wahrnehmung und einer Selbstgewißheit des Bewußtseins fallen nicht ohne weiteres zusammen. Jener stellt sich in einen offenkundigen Gegensatz zu einer Nichtevidenz der äußeren Wahrnehmung, behauptet somit die Gewißheit lediglich für die Feststellung von Empfindungen, Vorstellungen, Gefühlen u. dgl. m., also für die sogenannten psychischen Phänomene.

      Kommentar-Evidenz-I-51: Hier kündigt Külpe einer Unterscheidung zwischen Evidenz und Gewißheit an, sagt aber nicht, wo sie erfolgt.


    I-S52-1: "Die Selbstgewißheit des Bewußtseins kann demgegenüber, als der weitere Begriff gefaßt werden, insofern sie auch die physischen Phänomene als Bewußtseinsinhalte ansehen läßt. Für unsere erkenntnistheoretische Frage ist der weitere Begriff vorzugsweise in Betracht zu ziehen, weil und sofern er nicht von vornherein einen erkenntnistheoretischen Wertunterschied zwischen der Naturwissenschaft und der Psychologie voraussetzt. Auch ist die Beschränkung der Evidenz auf die innere Wahrnehmung, wie wir später (S. 73ff.) sehen werden, mit entscheidenden Gründen bestritten worden. Doch wird es schon hier von Vorteil sein, gerade auf die Evidenz der inneren Wahrnehmung etwas genauer einzugehen, um dadurch der Frage nach der Realisierung in der Psychologie vorzuarbeiten. Der Konszientialismus der Naturwissenschaft pflegt sich auf diese Bedeutung der Bewußtseinsinhalte für die Psychologie zu berufen und zurückzuziehen. Sollte sich daher zeigen, daß in der letztgenannten Wissenschaft die Rolle dieser Evidenz eine wesentlich bescheidenere und untergeordnetere ist, als es auf den ersten Blick erscheinen möchte, so würde damit auch dem  Konszientialismus  in der Naturwissenschaft eines seiner wichtigsten Fundamente erschüttert werden."

      Kommentar-Evidenz-I-52-1: Wieder kündigt Külpe vielversprechend an, "... gerade auf die Evidenz der inneren Wahrnehmung etwas genauer einzugehen, ...," ohne zu sagen wann und wo er das macht.


    I-S52-2: "Eine Evidenz der inneren Wahrnehmung pflegt nun zunächst bloß für den unmiitelbar gegenwärtigen Gegenstand derselben behauptet zu werden. Nur von dem jetzigen Denken und Wollen, von den augenblicklich gegebenen Empfindungen und Vorstellungen kann hiernach erklärt werden, daß man von ihnen eine evidente Wahrnehmung habe. Das scheint bereits im Begriff der Wahrnehmung zu liegen, die als ein Erkenntnisvorgang bezeichnet werden kann, der sich auf unmittelbar gegenwärtige Gegenstände bezieht. Volkelt  hat jedoch auch die Erinnerungsgewißheit in den Kreis der Evidenz gezogen. Die Gewißheit, diesen oder jenen Bewußtseinsinhalt erlebt zu haben, ist nach ihm genau von der gleichen Unmittelbarkeit und Unbezweifelbarkeit, genau von der gleichen  Selbstverständlichkeit wie die Gewißheit, einen bestimmten Bewußtseinsinhalt jetzt eben zu erleben. Daran [>53] können die von ihm bereitwillig zugegebenen Erinnerungstäuschungen, denen übrigens auch Wahrnehmungstäuschungen entsprechen, nichts ändern. Die moderne Entwicklung der Psychologie hat  Volkelt  darin recht gegeben. Denn sie läßt nicht nur eine Beobachtung unmittelbar gegenwärtiger Erlebnisse zu, sondern auch eine sogenannte rückschauende Beobachtung, welche die vorausgegangenen Erlebnisse zu ihrem Gegenstande machte). Nur dadurch wird es ihr möglich, auch die Funktionen des Beachtens, Bewertens, Denkens und andere, die eine gleichzeitige Beobachtung ausschließen, in den Kreis der psychologischen Forschung zu ziehen. Es dürfte sich daher empfehlen, die Evidenz und Gewißheit nicht auf die unmittelbar gegenwärtigen Bewußtseinsinhalte einzuschränken, sondern in einem freilich nur bescheidenen Maße auch für vergangene Erlebnisse anzuerkennen."

      Kommentar-Evidenz-I-52-1: Hier macht Külpe eine klare Aussage (fett-kursiv RS): "Nur von dem jetzigen Denken und Wollen, von den augenblicklich gegebenen Empfindungen und Vorstellungen kann hiernach erklärt werden, daß man von ihnen eine evidente Wahrnehmung habe." Evidenzerleben ist damit per definitionem auf den Augenblick beschränkt. Volkelts Behauptung ist ohnehin fragwürdig, weil es eine direkte Erfassung gar nicht gibt, was Külpe falsch behauptet ("... Denn sie läßt nicht nur eine Beobachtung unmittelbar gegenwärtiger Erlebnisse zu ..."). Innere Wahrnehmung, die bewusst erlebt wird, ist immer im Nachhinein, also immer erinnert, wenn auch oft sehr kurzfristig, so das es den meisten Erlebenden gar nicht auffällt. Hier wird nicht sauber unterschieden zwischen innerer Wahrnehmung, Bewusstheit der inneren Wahrnehmung und des Zwischengliedes kurzfristige Erinnerung. Der Schlussfolgerung "Evidenz und Gewißheit nicht auf die unmittelbar gegenwärtigen Bewußtseinsinhalte einzuschränken" kann ich zustimmen. Damit man das aber behaupten darf, muss geklärt haben, was die Begriffe bedeuten, das hat Külpe bis hierhin immer noch nicht verstanden.


    I-S53: "Aber eines wird uns hier sofort auffallen müssen: der Ausdruck Gewißheit kann in doppelter Bedeutung genommen werden. Wenn man von einer objektiven, einer mathematischen Gewißheit redet, so meint man damit einen durch objektive Kriterien feststellbaren und kontrollierbaren Grad des Erkenntniswertes.
    Für sie ist es gleichgültig, ob sie von einem erkennenden Subjekt sicher oder unsicher, gewiß oder ungewiß genannt und empfunden wird. Mit der Evidenz der inneren Wahrnehmung, mit der Selbstgewißheit des Bewußtseins dagegen meint man nur diesen subjektiven Eindruck, den jemand von seinen eigenen Erlebnissen, von ihrem Stattfinden oder Stattgefundenhaben und von ihrer Beschaffenheit gewinnt. Dieser Eindruck braucht, wie  Volkelt  mit Recht hervorhebt, durch den Nachweis einer Täuschung nicht aufgehoben zu werden. Die objektive Gewißheit dagegen steht und fällt mit ihrer Richtigkeit. Darum begnügt sich die Wissenschaft, insbesondere auch die Psychologie, keineswegs mit der subjektiven Gewißheit. Diese hängt nicht nur von dem Sach-[>54] verhalt, auf den sie sich bezieht, sondern auch vom Temperament, von der jeweiligen Stimmung und Disposition, von den Erfahrungen und Grundsätzen einer Person ab. Der erkenntnistheoretische Wert dieser Gewißheit steht somit nicht hoch. Die Erfahrungswissenschaften suchen sich allenthalben durch zuverlässige Kontrollen gegen die Irrtümer zu schützen, denen man bei der Anwendung dieser Evidenz unterliegen kann1).
    I-S53-FN1) Vgl. z. B. G. E. Müller im Ergänzungsband 5 der Zeitschr. f. Psychol. S. 68ff."

      Kommentar-Evidenz-I-53: Die Unterscheidung subjektive und objektive Bedeutung ist zwar sinnvoll, setz aber immer nich die Kärung der Begriffe voraus.


    I-S54: "Es scheint freilich, daß die Vertreter der Evidenz der inneren Wahrnehmung unter ihr etwas anderes verstehen, als ein ausdrückliches Wissen vom Wahrgenommenen oder eine Beobachtung desselben. Denn es wird von einer realen Einheit des Wahrgenommenen mit der Wahrnehmung gesprochen, wie schon Descartes erklärt hatte, daß beide ne sont en effet qu'une m8me chose. Bergmann interpretiert diese Einheit folgendermaßen: Ich, der hört, und ich, der dies Hören evident anerkennt, bin individuell derselbe. Nur begrifflich sind nach ihm der innere Akt und sein Objekt zu unterscheiden. Aber wenn es so wäre, so könnte nicht begriffen werden, warum es dem beobachtenden Psychologen so schwer wird, die psychischen Funktionen zu erfassen. Sind sie stets und tatsächlich mit einer ihrer selbst gewissen inneren Wahrnehmung verbunden, so müßten gerade das Vorstellen, das Urteilen und andere derartige Akte über allen Zweifel erhabene Tatsachen des Bewußtseins sein. Ebenso wäre es nicht zu verstehen, warum die moderne Psychologie gerade für diese Aktivitäten des Seelenlebens eine rückschauende Beobachtung
    hätte einführen müssen. Aber auch Bergmanns eigene Bestimmungen über die zu jedem Bewußtseinserlebnis [>55] untrennbar gehörende innere Wahrnehmung scheinen sich nicht mit dieser Auffassung zu vertragen. Denn er erklärt jede Wahrnehmung für ein Urteil, und zwar für ein einfaches, assertorisch bejahendes Urteil über einen anschaulich vorgestellten Gegenstand. Solche Urteile, die ihren Gegenstand als vorhanden setzen, sind von ihm doch nicht nur begrifflich zu unterscheiden. Wir werden jedenfalls annehmen müssen, daß es Bewußtseinserlebnisse gebe, auf die sich keine innere Wahrnehmung richtet, daß also wenigstens die Gegenstände derselben ohne sie möglich sind. Damit erhalten wir eine neue, auch für die Psychologie bedeutungsvolle Einschränkung der Evidenz der inneren Wahrnehmung.
        I-S154-FN1) Über die Evidenz als erkenntnistheoretisches Kriterium vgl. J die scharfsinnigen Bemerkungen von L. Nelson: Über das sogenannte Erkenntnisproblem (Abhandlungen der Friesschen Schule II S. 415ff.) auf S. 479ff. und namentlich A. Kastil: Jacob Friedrich Fries' Lehre von der unmittelbaren Erkenntnis (ebd. IV S.1 ff.), der an der Brentanoschen Lehre von der Evidenz der inneren Wahrnehmung festhält. Die äußere ist ihm „ein zwar unbegründetes, aber doch nicht der Begründung unbedürftiges, blindes Fürwahrhalten" (S. 205)."

      Kommentar-Evidenz-I-54: Külpe setzt sich mit Bergmann auseinander, wobei unklar bleibt, was genau der " innere Akt und sein Objekt" sind, hier wären mindestens ein Beispiel zwingend erforderlich gewesen. "Über allen Zweifeln erhaben" gibt es nicht in der Emprie. Man muss halt genau so sagen, worüber man Aussagen machen möchte. Worin genau die " Einschränkung der Evidenz der inneren Wahrnehmung" bestehen soll, bleibt unklar wie auch der wichtige Grundbegriff der Evidenz.


    I-S55: "Diese birgt jedoch noch eine gewisse Unbestimmtheit in sich, insofern der Begriff der inneren Wahrnehmung und der des Bewußtseins nicht eindeutig ist. Darin besteht die größte Schwierigkeit in dem Problem der inneren Wahrnehmung, daß deren Beziehung zu ihren Gegenständen verschieden aufgefaßt werden kann. Ist sie ein
    wirkliches Wissen von ihren Objekten, das hinzukommen oder auch fehlen kann, oder ist sie mit jedem Erlebnis, jedem Bewußtseinsinhalt unmittelbar verbunden bzw. in ihm enthalten? Sobald man das erste Glied dieser Alternative bejaht, wird man der Evidenz der inneren Wahrnehmung weder eine große Ausdehnung noch eine erhebliche erkenntnistheoretische Bedeutung zusprechen können. Das allgemeine Reden von der inneren Wahrnehmung und ihrem Gegenstande, von dem Gegebensein
    oder Vorgefundenwerden der Bewußtseinstatsachen läßt über diese Schwierigkeit hinweggleiten. Bei genauerer Untersuchung von Einzelfällen dagegen muß man alsbald
    auf sie stoßen. Zu ihrer Auflösung dürfte folgender Gesichtspunkt beitragen. Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, daß die innere Wahrnehmung ebensolche Fortschritte in der Erfassung ihrer Gegenstände machen kann, wie die äußere Wahrnehmung, ohne daß die Gegenstände selbst dabei eine Änderung erfahren haben können. Die qualitative Analyse des Bewußtseins hat unter Anwendung experimenteller Hilfs-[>56]mittel eine Fülle von neuen Tatsachen auf allen Gebieten des
    Seelenlebens zutage gefördert. Diese Fortschritte werden sofort verständlich, wenn man die innere Wahrnehmung und ihre Gegenstände voneinander trennt, wenn man den Sachverhalt ähnlich zu deuten versucht, wie bei der Entdeckung neuer Himmelskörper oder neuer Zellbestandteile. Die andere Ansicht bedarf, soviel wir sehen, wesentlich komplizierterer Annahmen, um solche Entwicklungen psychologischer Kenntnisse begreiflich zu machen. Einen ähnlichen Vorteil hat die von uns bevorzugte Auffassung einer Trennbarkeit der inneren Wahrnehmung von ihrem Gegenstande bei der Erklärung der Erinnerungsvorgänge, der Vergegenwärtigung von Traumerlebnissen und in anderen Fällen. Man wird danach zum mindestens eine gewisse Unabhängigkeit der Ausbildung und Betätigung der inneren Wahrnehmung von ihrem Gegenstande anzunehmen haben."

      Kommentar-Evidenz-I-55:  Die gestellten Fargen lassen sich nicht klären, so lange die Begriffe nicht genau bestimmt sind. Ob etwas so oder so ist, kann erst vernünftig untersucht werden, wenn "etwas" genau bestimmt ist.

     
     



    Kurzbiographie der Universität Würzburg

    "Oswald Külpe, Psychologe
    Portrait Oswald Külpe Oswald Külpe. Bild: Universität Würzburg

    * 3. August 1862 in Kandau
    † 30. Dezmber 1915 in München

    Külpe studierte ab 1881 Geschichte und Philologie in Leipzig, wo er den "Vater der deutschen Psychologie" Wilhelm Wundt kennenlernte und mit Unterbrechungen in Berlin und Göttingen 1887 unter diesem promovierte. Er verblieb als Wundts Assistent bis 1894 in Leipzig, als ihn der Ruf nach Würzburg an den Lehrstuhl für Philosophie und Ästhetik holte, wo er 1896 das Psychologische Institut gründete. 1909 nahm er den Ruf nach Bonn an, 1914 auch den nach München.
    Besonders als Begründer der sog. „Würzburger Schule“ erwarb Külpe besonderen Ruhm. Von Wundt und dessen engeren Schülerkreis wegen ihrer Einbeziehung von Interviews und Reflexionen der Versuchspersonen als unwissenschaftlich verworfen, fand sie insbesondere im Zuge der Kognitiven Wende in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts große Beachtung und griff bereits viele zentrale Punkte vor. Außerhalb der Psychologie interessierte sich Külpe noch für die Erkenntnistheorie, in der er einen kritischen Realismus vertrat, der seinen Weg in Külpes Lebenswerk Die Realisierung. Ein Beitrag zur Grundlegung der Realwissenschaften fand."

    Eine ausführliche Biographie finden Sie hier: https://badw.de/fileadmin/nachrufe/K%C3%BClpe%20Oswald.pdf



    Literatur
     
    1. Külpe, O. (1887). Zur Theorie der sinnlichen Gefühle. Altenburg: Pierer’scbe HofdruckereL
    2. Külpe, O. (1888/1889). Die Lehre vom Willen in der neueren Psychologie. Philosophische Studien, 5, 179-244/381-446.
    3. Külpe, O. (1891). Über die Gleichzeitigkeit und Ungleictaeitigkeit von Bewegungen (I.), Philosophische Studien, 6, 514-535.
    4. Külpe, O. (1891/1892a). Über die Gleichzeitigkeit und U'ngtefchzeitigkeit von Bewegungen (Fortsetzung). Philosophische Stoßen, 7, 147-168.
    5. Külpe, O. (1891/1892b). Das Ich und die Aussenwelt (erster Artikel). Philosoptische Stoßen, 7, 394-413.
    6. Külpe, O. (1892/1893). Das Ich und die Aussenwelt (zweiter Artikel). Philosophische Studien, 5,311-341.
    7. Külpe, O. (1893a). Grundriss der Psychologie. Auf experimenteller Grundlage dargestellt. Leipzig: Engelmann.
    8. Külpe, O. (1893b). Anfänge und Aussichten der experimentellen Psychologie. Archiv für Geschichte der Philosophie, 6,170-189/449-467.
    9. Külpe, O. (1895). Outlines of psychology. Based upon the results of experimental investigation. Translatedfrom the German by Edward Bradford Titchener. New York: MacMillan.
    10. Külpe, O. (1901). Outlines of psychology. Based upon the results of experimental investigation. Translated from the Gemian By Edward Bradford Titchener (2. AufL). New York: MacMillan.
    11. Külpe, O. (1902). Die Philosophie der Gegenwart in Deutschland. Leipzig: Barth.
    12. Külpe, O. (1904). Versuche über Abstraktion. In F. Schumann (Hrsg.), Bericht »er den I. Kongreß für experimentelle Psychologie in Gießen 1904 (S, 56-68). Leipzig: Barth.
    13. Külpe, O. (1907). Immanuel Kant. Darstellung und Würdigung. Leipzig: Teubner .
    14. Külpe, O. (1909). Outlines of psychology. Based upon the results of experimental investigation. Translated from the German by Edward Bradford Titchener (3. Aufl.). London: Swan Sonnenschein.
    15. Külpe, O. (1910). Discussion. In E. ClaparMe (Hrsg.), VT Congres international de Psychologie. TOT* a Geneve du 2 « 7AoW 7909. Rapports et comptes rendus (S. 224-226). Genüve: Kuendjg,
    16. Külpe, O. (1912a). Die Realisierung. Ein Beitrag zur Grundlegungder Realwissenschqften (Bd. 1). Leipzig: Hfrzel.
    17. Külpe, O. (1912b). Über die Bedeutung der modernen Denkpsychologie. In F. Schumann (Hrsg.), Bericht über den V. Kongreß für Experimentelle Psychologie in Berlin 1912 (S. 117- 118). Leipzig: Barth.
    18. Külpe, O, (1912c). Über die moderne Psychologie des Denkens. Internationale Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik, 6,1069-1110.
    19. Külpe, O. (19I2d). Wilhelm Wundt zum 80. Geburtstage. Archiv für die gesamte Psychologie, 24, 105-110.
    20. Külpe, O. (1914). Philosophie. In S. Körte et al. (Hrsg.), Deutschland unter Kaiser Wilhelm II (Bd. 3, S. 1147-1164). Berlin: Robbing.
    21. Külpe, O. (1915). Ernst Meumann und die Ästhetik. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie und Experimentelle Pädagogik, 16, 232-238.
    22. Külpe, O. (1915). Die Ethik und der Krieg : Nach einem Kriegsvortrag der Universität München gehalten am 19. Februar 1915 [PDF]
    23. Külpe, O. (1920a). Die Realisierung, Ein Beitrag zur Grundlegung der Realwissenschaften (aus dem Nachlaß herausgegeben von A. Messer) (Bd. 2). Leipzig: Hirzel.
    24. Külpe, O. (1920b). Vorlesungen über Psychologie (herausgegeben von K. Bühler), Leipzig: Hirzel.
    25. Külpe, O. (1921). Grundlagen der Ästhetik (aus dem Nachlaß herausgegeben von S. Beim). Leipzig: Hirzel.
    26. Külpe, O. (1922). Vorlesungen der Ästhetik (herausgegeben von K. Bühler) (2. Aufl.). Leipzig: Hirzel.
    27. Külpe, O. (1923a). Die Realisierung. Ein Beitrag zw Grundlegung der Realwissenschaften (aus dem Nachlaß herausgegeben von A Messer) (Bd. 3). Leipzig: Hirzel.
    28. Külpe, O. (1923b). Vorlesungen über Logik (herausgegeben von O. &fc). Leipzig: Hirzel.
    29. Külpe, O. (1928). Einleitung in die Philosophie (herausgegeben von A. Messer) (12. Aufl.). Leipzig: Hirzel.




    Links(Auswahl: beachte)




    Glossar, Anmerkungen und Endnoten:  Wissenschaftlicher und  weltanschaulicher  Standort.
    GIPT= General and Integrative Psychotherapy, internationale Bezeichnung für Allgemeine und Integrative Psychotherapie.
    __
    Aktualitätstheorie
    Im Dorsch (Abruf 03.09.22): "In der Ps. vertrat Wundt die Auffassung, dass die Wirklichkeit der Psyche in der seelischen Aktivität, dem seelischen Geschehen (Prozess) liegt. Er lehnte die in der älteren Ps. verbreitete Idee der Seelenvermögen und den Begriff der Seele mit Transzendenzbezug (Substanzialitätstheorie) ab. Für ihn existiert die Seele nicht unabhängig von den an das Gehirn gebundenen seelischen Vorgängen. Seiner Ps. ohne Seele wurde von einigen zeitgenössischen Philosophen und Psychologen scharf widersprochen."
    __
    assertorische-Evidenz
    assertorisch:=etwas behaupten. Evidenz:=Offenkundigkeit, Offensichtlichkeit, Augenscheinlichkeit (im Angloamerikanischen eine ganz andere Bedeutung, nämlich: belegt, begründet, beweisorientiert).
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    Bewustseinsstufen: 1.Stufe, 2.Stufe, 3.Stufe, 4.Stufe, 5. Stufe.
    Realisierng I-S.56: "Ganz besonders unterstützt wird unsere Ansicht jedoch durch die in der experimentellen Untersuchung des Erkenntnisvorgangs
    hervorgetretene Unterscheidung von sogenannten Bewußtseinsstuf en. Das Dasein psychischer Tatbestände, etwa eines optischen Eindrucks, kann nach unserer heutigen Einsicht in fünf verschiedenen Weisen verwirklicht sein, wobei die gleichen äußeren Umstände, dieselben einwirkenden Reize und Beleuchtungsverhältnisse, die gleiche Einstellung und Funktion des Sinnesorgans und seiner zentralen Annexe vorausgesetzt werden dürfen. Nehmen wir beispielsweise an, es sei einer Versuchsperson ein unregelmäßiges Siebeneck mit der Aufgabe dargeboten worden, die größte Seite desselben zu finden und deren Ort sich zu merken. Nachdem sie diese Aufgabe absolviert hat, soll sie sofort eine Reaktionsbewegung ausführen, die ihre Erledigung anzeigt und zugleich den Reiz zum Verschwinden bringt. Es ergibt sich dann, daß die größte Seite und ihr Ort auf einer höheren Bewußtseinsstufe für die Versuchsperson da war, als die übrigen Teile der Figur oder ihre Gestalt. Als die höchste Stufe zeigte sich das sogenannte Konstatieren, ein ausdrückliches Fest-[>57] stellen und Wissen des wahrgenommenen Gegenstandes, gewöhnlich von Worten oder sonstigen motorischen Zeichen, wie Tippen, Kopfnicken u. dgl. begleitet Eine zweite Stufe
    wurde von dem potentiellen Wissen gebildet, bei dem der wahrgenommene Inhalt nur gedanklich bestimmt war, ohne daß eine förmliche Erklärung darüber stattfand. Eine dritte Stufe wurde durch das Beachten vertreten, das zwar eine Richtung auf den der Aufgabe entsprechenden Gegenstand enthielt, aber
    nicht zugleich schon ein Wissen um seine Bedeutung einschloß. Die vierte Stufe war ein einfaches bewußtes Gegebensein ohne irgendeinen Vorzug vor anderen derartigen Gegenständen im Sinne des Betonens oder Wissens, ohne eine Spontaneität des Erfassens von seiten des erlebenden Subjekts. Wundt
    würde von dieser Stufe sagen, daß sie die im Blickfeld des Bewußtseins befindlichen, perzipierten Inhalte umfasse. Die fünfte und letzte Stufe bezeichnet diejenigen Tatbestände, deren Vorhandengewesensein nachträglich auf Grund bestimmter Indizien vermutet oder erschlossen wird. Es seien etwa
    zwei von den nicht zu bestimmenden Seiten jenes Siebenecks farbig getönt gewesen. Die Versuchsperson hat diese Farben selbstverständlich gesehen in der rein sinnlichen Bedeutung dieses Wortes, aber sie weiß nichts davon und errät bloß in der Erinnerung an gewisse unbestimmte Unterschiede in der Erscheinungsweise der Seiten, daß ein paar farbige darunter gewesen sein werden 1).
        Nun kann man freilich behaupten, daß diese Versuche an Gegenständen der äußeren Wahrnehmung ausgeführt worden seien und darum nicht ohne weiteres auf die innere Wahrnehmung übertragen werden dürften. Aber erstich ist der hier vorausgesetzte Unterschied zwischen äußerer und innerer Wahrnehmung im Sinne von Brentano kein allgemein anerkannter.  Wir können mit einer größeren Anzahl von Psychologen auch bei solchen Versuchen von einer inneren Wahr-[>58]nehmung reden, sofern es sich nicht um naturwissenschaftliche oder geometrische, sondern um psychologische Beobachtungen an den vorgezeigten Figuren handelt. Zweitens ist nicht einzusehen, warum die Bewußtseinsstufen nicht auch an Gegenständen der inneren Wahrnehmung im engeren Sinne sollten unterschieden werden können. Vermutung, bewußtes Gegebensein, Beachten, potentielles und aktuelles Wissen haben keine Merkmale an sich, die sie lediglich für Gegenstände der äußeren Wahrnehmung verwendbar erscheinen ließen. Sicherlich wird man nicht behaupten können, daß die Phantasievorstellungen
    oder Denk- und Willensakte, daß die Gemütsbewegungen oder Wertbeurteilungen sämtlich nur auf der höchsten oder den beiden höchsten Bewußtseinsstufen denkbar seien. Gerade die Exklusivität der psychischen Funktionen, vermöge deren wir nicht zugleich lieben und hassen, rechnen und lernen, eine praktische Entscheidung treffen und ein Kunstwerk beurteilen können, macht es sehr unwahrscheinlich, daß wir in Verbindung mit den psychischen Akten stets ein Wissen
    von ihnen, ein Beachten und Wahrnehmen derselben sollten erleben können.
        Fragen wir uns nun, für welche von den fünf Bewußtseinsstufen überhaupt von innerer Wahrnehmung und einer Evidenz derselben gesprochen werden kann, so werden wir wohl nur die beiden obersten Stufen des potentiellen und des aktuellen Wissens heranziehen dürfen. Bei dem Beachten wird zwar der Gegenstand hervorgehoben, ausgezeichnet, er springt heraus, wie die Versuchspersonen sich ausdrücken, er hebt sich von seiner Umgebung ab, aber er wird nicht erkannt.
    Damit ergibt sich eine volle Bestätigung unserer Annahme einer Trennbarkeit der inneren Wahrnehmung von ihrem Gegenstande und eine weitere wesentliche Einschränkung in der Geltung der Selbstgewißheit des Bewußtseins. Schon Volk elt hat zwei einschlägige Bedingungen derselben angeführt. Erstens muß man nach ihm dem Bewußtseinsinhalt mit Aufmerksamkeit zugekehrt sein. Was in meinem Bewußtsein „halb beachtet und unbeachtet verläuft, davon habe [>59] ich nur ein ungefähres Wissen, nur ein unklares Gefühl. Zweitens muß den Bewußtseinsvorgängen ein gewisser Grad von Deutlichkeit eigen sein, wenn sie unbedingt sicher gewußt werden sollen. Es gibt eine Fülle dunkler verschwommener Regungen in uns, deren wir, auch wenn wir uns ihnen mit angespanntester Aufmerksamkeit zuwenden, nur unsicher gewiß werden"). Insofern auch nach unserer Einteilung der Bewußtseinsstufen das Beachten als eine Vorstufe des Wissens angesehen werden kann, steht die erste der von Volke lt angegebenen Bedingungen im Einklang mit unseren Ausführungfn.  Die zweite enthält den Hinweis auf eine gegenständliche Einschränkung, auf die wir weiter unten noch zu sprechen kommen.
        Unsere Versuche haben aber nicht nur ergeben, daß man Erlebnisse haben kann, ohne daß man während des Erlebtwerdens von ihnen weiß, daß also in diesem Falle höchstens von einer Evidenz der rückschauenden Wahrnehmung, der nachträglichen Selbstgewißheit geredet werden darf, sondern auch, daß es Gewißheitsgrad e gibt, und daß die Stufe des Konstatierens im allgemeinen mit der größten Gewißheit zusammenfällt. Die Zahl der Fehler in der Bestimmung eines Gegenstandes wächst, wenn tiefere Bewußtseinsstufen für sein Vorhandensein bestehen. Aber auch das Konstatieren ist nicht völlig gegen Irrtümer geschützt. Der subjektive Gewißheitseindruck gibt uns also keine Garantie für die objektive Fehlerlosigkeit der Feststellung. Zugleich bestehen individuelle Unterschiede in diesem Verhältnis. Das hängt zum Teil mit der Übung in solchen Beobachtungen zusammen, beruht aber zweifellos auch auf Unterschieden der Anlage. Fähigkeit und Neigung zu solchen Beobachtungen sind in verschiedenem Maße vorhanden, skeptische Vorsicht und Zurückhaltung im Urteil steht neben resolutem Zugreifen und Behaupten. Die experimentelle Psychologie hat uns gelehrt, daß auch die [>60] Ergiebigkeit der Aussagen über die selbstgewissen Tatbestände individuell variiert, und daß der Umfang der evidenten Wahrnehmung von verschiedener Größe ist. Aus alledem folgt eine wesentliche Einschränkung ihrer Bedeutung für die Erkenntnis.
        Fragen wir uns zum Schluß, was denn eigentlich evident wahrgenommen wird, so kann zunächst darauf geantwortet werden: daß man ein Erlebnis hat. Daß ich etwas gesehen, gehört, empfunden, daß ich etwas vorgestellt oder gedacht, gefühlt oder gewollt habe, darüber besteht ein evidentes Wissen. Auch Bergmann scheint der Evidenz der inneren Wahrnehmung nur diesen Sinn zu geben, wenn er von einem thetischen, das bloße Vorhandensein eines psychischen Vorgangs anerkennenden Urteil redet. Auch für jene flüchtigen und verschwommenen, für jene undeutlichen Zustände und Regungen, von denen Volk elt als einer einschränkenden Bedingung für die Selbstgewißheit des Bewußtseins gesprochen hat, würde eine solche Evidenz gelten können. Das ist nun freilich nicht viel.
    Über die eigentliche Beschaffenheit des Erlebnisses ist damit noch nichts ausgemacht, und die Anwendung der vulgären Terminologie, der Begriffe des Wollens und Denkens, des Gefühls und der Vorstellung, hebt uns über diesen Mangel nicht hinaus. Die Psychologen wissen, daß die bloße Erklärung einer Versuchsperson, sie habe gewollt oder sei aufmerksam gewesen, bei der unsicheren und schwankenden Bedeutung solcher Ausdrücke und bei der schwer zu fassenden Natur der bezeichneten Tatsachen sehr wenig zu besagen hat."

    R1-S57-FN1) Vgl. dazu die grundlegende Untersuchung von E. Westphal im Archiv 1. d. ges. Psychol. Bd. 21 S. 219ff.
    R-I-S59-FN1) Es verdient hervorgehoben zu werden, daß Volkelt diese beiden Einschränkungen bereits in seinem 1885 erschienenen Buche
    „Erfahrung und Denken" S. 55f. angeführt hat.
    _
    Epimeleia  Aufmerksamkeit und Sorge für ein gutes Leben.
    __
    Grenzmethode
    In ebenmerklich abgestuften Schritten bestimmt man die Wahrnehmungsschwelle. Man beginnt mit Stufe 0 und setzt dann fort mit 1,2,3 ... Genauer und mehr im Dorsch (2).
    __
    inappelabel  Duden (veraltet; Abruf 26.08.22): keine Möglichkeit mehr bietend, ein Rechtsmittel einzulegen, durch Berufung nicht anfechtbar (von gerichtlichen Entscheidungen)
    __
    Konszientialismus
    Lehre, wonach die Gegenstände der Erkenntnis nur als Bewusstseinsinhalte existieren (>philosophischer Idealismus, Solipsismus), also Unsinn.
    __
    Kyrenaikern
    Das Metzler-Lexikon Philosophie erklärt (Abruf 03.09.2022): "Anhänger des Aristipp von Kyrene, der im Ergreifen der Lust den für den Menschen möglichen Weg zum Glück sieht. Dabei ist Lust die dem Schmerz entgegengesetzte, ruhige Bewegung der Seele. Durch Selbstdisziplin und Beherrschung der Lebensumstände kann der Mensch ein Maximum an Lusterfüllung erreichen."
    __
    performative-utterances (Austin)
    Sprechhandlungen, die nicht nur sachlich etwas mitteilen, sondern auf eine Wirkung und Veränderung abzielen. [W.engl]
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    Skeptiker
    Ein kritischer Mensch, der den Zweifel pflegt und zunächst einmal in Frage stellt in verschiedenen Ausprägungen. In der stärksten Form jemand, der grundsätzlich verneint, dass wir etwas zuverlässig und sicher wissen können. Ausführlich bei  Eisler.
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    Querverweise
    Standort: Külpe Gewissheit und Evidenz in Die Realisierung I, II, III
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    Begriffsanalyse Gewissheit * Fragebogen-Pilot-Studie Begriffsanalyse Gewissheit *
    Haupt- und Verteilerseite Begriffsanalysen. *Textanalysen und Sprachkritik * Definition Begriff. * Das A und O: Referenzieren *Begriffsverschiebebahnhöfe*Wissenschaftsglossar*Operationalisieren*Definition und definieren *Beweis und beweisen in Wissenschaft und Leben *Beweis und beweisen im Alltag. *Beweis und beweisen in den Psychowissenschaften*BA Gesunder Menschenverstand*
    Überblick Arbeiten zur Theorie, Definitionslehre, Methodologie, Meßproblematik, Statistik und Wissenschaftstheorie besonders in Psychologie, Psychotherapie und Psychotherapieforschung.
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