Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie
    IP-GIPT DAS=01.10.1998 Internet-Erstausgabe, letzte Änderung 17.2.6
    Sekretariat: Diplom-PsychologInnen Irmgard Rathsmann-Sponsel und Dr. phil. Rudolf Sponsel
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    Willkommen in unserer Internet-Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie, Abteilung Wissenschaft, und hier speziell zum Thema:
     
    Konstruktivismus - Formen & Varianten
    Querverweise * Zum Vulgärkonstruktivismus

    Die folgenden systematisch-lexikalischen Ausführungen zum Konstruktivismus sind mit freundlicher Genehmigung des Verlages Klett-Cotta, Stuttgart und der Autoren, für den Abruck in der Internet Publication - General and Integrative Psychotherapy (IP-GIPT) zunächst für den Zeitraum bis zum 31.12.2003  freigegeben worden, wofür wir dem Verlag Klett-Cotta recht herzlich danken.

    Aus: H. R. Fischer & M. Peschl (1996). Konstruktivismus (constructivism). In:

    Wörterbuch der Kognitionswissenschaft. Hrsg. von Strube, Gerhard in Zus.arbeit mit Barbara  Becker/  Christian Freska/  Udo Hahn/ Klaus Opwis/ Günther Palm. Klett-Cotta, Stuttgart 1996.

    Das Zeichen > verweist im Wörterbuch auf die entsprechenden Einträge.

    „Konstruktivismus (constructivism)

    (1)  Konstruktivismus in der Mathematik. Der K. in der Mathematik wurde Anfang dieses Jahrhunderts von den "Intuitionisten" (L. E. Brouwer und A. Heyting) entwickelt. Für den mathematischen K. existieren mathematische Objekte erst als Resultat eines Konstruktionsprozesses. Die Existenz mathematischer Obiekte kann insofern nur postuliert werden, wenn es eine Methode oder ein Prinzip zur ihrer Konstruktion gibt.

    (2) Erlanger Konstruktivismus. Der "Erlanger K.« (begründet von P. Lorenzen, W. Kamlah u. a., Universität Erlangen) ist eine wissenschaftstheoretische Schule, die eine kritische Begründung der Wissenschaft und der Wissenschaftstheorie leisten will, indem sie methodisch, vollständig und zirkelfrei von einer Begründungsbasis (die selbst eine vorwissenschaftliche Praxis darstellt, Rekurs auf Hugo Dingler) ausgeht, um eine intersubjektiv durchschaubare begriffliche Praxis  der Wissenschaftssprache zu konstruieren bzw. zu rekonstruieren.

    (3) Radikaler Konstruktivismus. Der „radikale" (E. v. Glasersfeld, Heinz v. Foerster) sucht als Theorie des Wissens die traditionellen Fragen der Erkenntnistheorie neu zu beantworten. Die genuin philosophischen Fragen danach, was Erkenntnis sei, wie sie erlangt und wie sie gerechtfertigt werden kann, verwandeln sich dabei in die Frage, wie das Substrat aller Erkenntnis, unser Gehirn, Erkenntnis erzeugt. Im radikalen K. haben wir damit eine naturalisierte Form der Erkenntnistheorie vor uns, welche die Antworten auf epistemologische Fragen nicht aus der Philosophie erwartet, sondern von den empirischen Wissenschaften (vor allem den Neurowissenschaften). In der philosophischen Tradition wurde der Erkenntnis bereits früh ein Repräsentationscharakter zugeschrieben. Das erkennende Bewußtsein spiegelte etwas, was „draußen"  wirklich war. Erkenntnis wurde zur Abbildung einer vom Erkennenden unabhängigen Wirklichkeit. Ziel abendländischer Wissenschaft war immer Objektivität, d.h. Erkenntnis der Welt wie sie wirklich ist, nicht wie sie dem Beobachter erscheint. »Wahre" Erkenntnis faßte man als Übereinstimmung von Wirklichkeit und Abbild im Bewußtsein des Erkennenden (> Realismus). Dies führt in einen Zirkel, den die griechischen Skeptiker (6. Jahrhundert v. Chr.) als „elende Diallele" brandmarkten, denn der Erkennende kann diese Übereinstimmung nie prüfen, weil er nicht aus seinem Erkenntnisbereich (in dem es nur Abbilder gibt) heraustreten kann, um das Abbild mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Angesichts dieses Vermächtnisses der > Erkenntnistheorie verabschiedet sich der radikale K. vor allem von dem so vorbelasteten Begriff der > Repräsentation und geht davon aus, daß Erkennen vor allem ein selbstbezüglicher Prozeß ist: Das >Subjekt verfügt nur dann über >Wissen, wenn es dieses über eigene Operationen im kognitiven Apparat selbst hergestellt hat. Wissen als Resultat eines Erkenntnisprozesses ist demnach nicht ein Abbilden im Sinne eines Entdeckens der Konstruktion äußeren Wirklichkeit, sondern eher eine von Wirklichkeit. Der radikale K. rekurriert dabei insbesondere auf Ansätze aus >Systemtheorie, Neurobiologie (>Autopoiese, H. Maturana) und second order cybernetics (Heinz von Foerster), die annehmen, kognitive Systeme seien „informationsdicht" (Ashby) und müßten ihre Wirklichkeit selbst  erzeugen.

    Die Radikalität dieses K. besteht darin, daß er ein Verständnis von Wissen etabliert, das ohne >Ontologie und damit ohne die Idee der representatio im klassischen Sinne auskommt. Kognition hat dann vor allem eine adaptive Funktion (Piaget) und besteht nicht in der Abbildung einer objektiven Wirklichkeit. Glasersfeld benutzt einen instrumentalistischen bzw. pragmatistischen Wissensbegriff, demgemäß Wissen in der Konstruktion begrifflicher Gebilde besteht, die noch nicht mit der Erfahrungswelt in Konflikt geraten sind. Diese Konstrukte stimmen nicht mit der ontologischen Welt überein (im Sinne einer Repräsentation), sie müssen nur in das Gesamtkonzept von Erfahrung "passen . Wenn diese begrifflichen Gebilde, die der Konstruktivismus „Wissen" nennt, passen, so heißt dies nicht mehr und nicht weniger, als daß dieses Wesen sich der Erfahrungswelt als Selektionsmechanismus stellt, und aus diesem Rückkoppelungsprozeß ein für den erkennenden Organismus so lange gangbarer (»viabler«) Weg erzeugt wird, als dieser sein Überleben bzw. > Anpassung sichert. Erkenntnis als Konstruktion in diesem Sinne heißt aber nicht, die Wirklichkeit als beliebige, willkürlich zuzurichtende phantastische Konstruktion zu begreifen, sondern als Konstruktion, die von der Widerständigkeit der Welt nicht negiert wird und insofern „paßt", als sie funktioniert. Im evolutionären Prinzip des „Passens" liegen die Parallelen zur >evolutionären Erkenntnistheorie.

    (4) Radikaler K. und Kognitionswissenschaft (> Kognition). Mit dem Aufkommen systemtheoretisch ausgerichteter Ansätze, wie z. B. dem >Konnektionismus (>Repräsentation im Konnektionismus), werden die konstruktivistischen Vorstellungen zunehmend relevant.
    Das Konzept der Konstruktion von Repräsentation ist ein zentrales Merkmal in der konstruktivistischen Sicht: im neuronalen Substrat ist die Dynamik für diese Konstruktionsprozesse verkörpert. Die Repräsentation im neuronalen Substrat erfüllt nicht mehr eine Abbildfunktion zwischen Umwelt und kognitivem Apparat, sondern sie konstruiert durch kontinuierliche physische Veränderung das zum Überleben und zur Reproduktion des Organismus adäquate Verhalten und stellt damit eine stabile Beziehung zwischen Umwelt und Organismus sicher. Das Repräsentationssystem nimmt aktiv an den Konstruktionsprozessen teil. Die Dynamik der Umwelt spielt dabei nur die Rolle eines Auslösers (>Perturbation), welche die durch das Repräsentationssystem determinierten Verhaltensweisen selektiert. Die Konzepte der trial-&-error-Strategie und der funktionalen Passung bestimmen die Beziehung zwischen Umwelt und Repräsentationssystem. Die Repräsentationsstruktur wird so lange versuchsweise verändert und durch Verhalten externalisiert, bis ein intern oder extern festgestellter Fehler minimiert bzw. der homöostatische Zustand hergestellt ist."



    Änderungen wird gelegentlich überarbeitet, ergänzt und vertieft * Anregungen und Kritik willkommen
    17.02.06    Fehlerkorrektur (Danke an Herrn Losse). Richtig: evolutionären, statt falsch: revolutionären Erkenntnistheorie.


    Querverweise:
    Vulgärkonstruktruktivismus: können Erkenntnistheorie, Wissenschaft und Alltagsleben
    auf den Wahrheitsbegriff verzichten?
    Überblick Arbeiten zur Definitionslehre, Methodologie, Statistik und Wissenschaftstheorie
    Grundzüge einer idiographischen Wissenschaftstheorie
    Der Fehlerfall in der schließenden Statistik * Wissenschaft in der IP-GIPT * Beweis in Wissenschaft und Leben * Welten *
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    Zitierung
    Aus: H. R. Fischer & M. Peschl (1996). Konstruktivismus (constructivism). In: Strube, Gerhard; Becker, Barbara; Freska, Christian; Hahn, Udo; Opwis, Klaus & Palm, Günther (1996, Hg.). Wörterbuch der Kognitionswissenschaft, S. 329-331. Stuttgart: Klett-Cotta.  Alle Rechte beim Verlag Klett-Cotta, Stuttgart.
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