Die folgenden systematisch-lexikalischen Ausführungen zum Konstruktivismus sind mit freundlicher Genehmigung des Verlages Klett-Cotta, Stuttgart und der Autoren, für den Abruck in der Internet Publication - General and Integrative Psychotherapy (IP-GIPT) zunächst für den Zeitraum bis zum 31.12.2003 freigegeben worden, wofür wir dem Verlag Klett-Cotta recht herzlich danken.
Aus: H. R. Fischer & M. Peschl (1996). Konstruktivismus (constructivism). In:
Wörterbuch der Kognitionswissenschaft. Hrsg. von Strube, Gerhard in Zus.arbeit mit Barbara Becker/ Christian Freska/ Udo Hahn/ Klaus Opwis/ Günther Palm. Klett-Cotta, Stuttgart 1996.
Das Zeichen > verweist im Wörterbuch auf die entsprechenden Einträge.
„Konstruktivismus (constructivism)
(1) Konstruktivismus in der Mathematik. Der K. in der Mathematik wurde Anfang dieses Jahrhunderts von den "Intuitionisten" (L. E. Brouwer und A. Heyting) entwickelt. Für den mathematischen K. existieren mathematische Objekte erst als Resultat eines Konstruktionsprozesses. Die Existenz mathematischer Obiekte kann insofern nur postuliert werden, wenn es eine Methode oder ein Prinzip zur ihrer Konstruktion gibt.
(2) Erlanger Konstruktivismus. Der "Erlanger K.« (begründet von P. Lorenzen, W. Kamlah u. a., Universität Erlangen) ist eine wissenschaftstheoretische Schule, die eine kritische Begründung der Wissenschaft und der Wissenschaftstheorie leisten will, indem sie methodisch, vollständig und zirkelfrei von einer Begründungsbasis (die selbst eine vorwissenschaftliche Praxis darstellt, Rekurs auf Hugo Dingler) ausgeht, um eine intersubjektiv durchschaubare begriffliche Praxis der Wissenschaftssprache zu konstruieren bzw. zu rekonstruieren.
(3) Radikaler Konstruktivismus. Der „radikale" (E. v. Glasersfeld, Heinz v. Foerster) sucht als Theorie des Wissens die traditionellen Fragen der Erkenntnistheorie neu zu beantworten. Die genuin philosophischen Fragen danach, was Erkenntnis sei, wie sie erlangt und wie sie gerechtfertigt werden kann, verwandeln sich dabei in die Frage, wie das Substrat aller Erkenntnis, unser Gehirn, Erkenntnis erzeugt. Im radikalen K. haben wir damit eine naturalisierte Form der Erkenntnistheorie vor uns, welche die Antworten auf epistemologische Fragen nicht aus der Philosophie erwartet, sondern von den empirischen Wissenschaften (vor allem den Neurowissenschaften). In der philosophischen Tradition wurde der Erkenntnis bereits früh ein Repräsentationscharakter zugeschrieben. Das erkennende Bewußtsein spiegelte etwas, was „draußen" wirklich war. Erkenntnis wurde zur Abbildung einer vom Erkennenden unabhängigen Wirklichkeit. Ziel abendländischer Wissenschaft war immer Objektivität, d.h. Erkenntnis der Welt wie sie wirklich ist, nicht wie sie dem Beobachter erscheint. »Wahre" Erkenntnis faßte man als Übereinstimmung von Wirklichkeit und Abbild im Bewußtsein des Erkennenden (> Realismus). Dies führt in einen Zirkel, den die griechischen Skeptiker (6. Jahrhundert v. Chr.) als „elende Diallele" brandmarkten, denn der Erkennende kann diese Übereinstimmung nie prüfen, weil er nicht aus seinem Erkenntnisbereich (in dem es nur Abbilder gibt) heraustreten kann, um das Abbild mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Angesichts dieses Vermächtnisses der > Erkenntnistheorie verabschiedet sich der radikale K. vor allem von dem so vorbelasteten Begriff der > Repräsentation und geht davon aus, daß Erkennen vor allem ein selbstbezüglicher Prozeß ist: Das >Subjekt verfügt nur dann über >Wissen, wenn es dieses über eigene Operationen im kognitiven Apparat selbst hergestellt hat. Wissen als Resultat eines Erkenntnisprozesses ist demnach nicht ein Abbilden im Sinne eines Entdeckens der Konstruktion äußeren Wirklichkeit, sondern eher eine von Wirklichkeit. Der radikale K. rekurriert dabei insbesondere auf Ansätze aus >Systemtheorie, Neurobiologie (>Autopoiese, H. Maturana) und second order cybernetics (Heinz von Foerster), die annehmen, kognitive Systeme seien „informationsdicht" (Ashby) und müßten ihre Wirklichkeit selbst erzeugen.
Die Radikalität dieses K. besteht darin, daß er ein Verständnis von Wissen etabliert, das ohne >Ontologie und damit ohne die Idee der representatio im klassischen Sinne auskommt. Kognition hat dann vor allem eine adaptive Funktion (Piaget) und besteht nicht in der Abbildung einer objektiven Wirklichkeit. Glasersfeld benutzt einen instrumentalistischen bzw. pragmatistischen Wissensbegriff, demgemäß Wissen in der Konstruktion begrifflicher Gebilde besteht, die noch nicht mit der Erfahrungswelt in Konflikt geraten sind. Diese Konstrukte stimmen nicht mit der ontologischen Welt überein (im Sinne einer Repräsentation), sie müssen nur in das Gesamtkonzept von Erfahrung "passen . Wenn diese begrifflichen Gebilde, die der Konstruktivismus „Wissen" nennt, passen, so heißt dies nicht mehr und nicht weniger, als daß dieses Wesen sich der Erfahrungswelt als Selektionsmechanismus stellt, und aus diesem Rückkoppelungsprozeß ein für den erkennenden Organismus so lange gangbarer (»viabler«) Weg erzeugt wird, als dieser sein Überleben bzw. > Anpassung sichert. Erkenntnis als Konstruktion in diesem Sinne heißt aber nicht, die Wirklichkeit als beliebige, willkürlich zuzurichtende phantastische Konstruktion zu begreifen, sondern als Konstruktion, die von der Widerständigkeit der Welt nicht negiert wird und insofern „paßt", als sie funktioniert. Im evolutionären Prinzip des „Passens" liegen die Parallelen zur >evolutionären Erkenntnistheorie.
(4) Radikaler K. und Kognitionswissenschaft (> Kognition). Mit
dem Aufkommen systemtheoretisch ausgerichteter Ansätze, wie z. B.
dem >Konnektionismus (>Repräsentation im Konnektionismus), werden
die konstruktivistischen Vorstellungen zunehmend relevant.
Das Konzept der Konstruktion von Repräsentation ist ein zentrales
Merkmal in der konstruktivistischen Sicht: im neuronalen Substrat ist die
Dynamik für diese Konstruktionsprozesse verkörpert. Die Repräsentation
im neuronalen Substrat erfüllt nicht mehr eine Abbildfunktion zwischen
Umwelt und kognitivem Apparat, sondern sie konstruiert durch kontinuierliche
physische Veränderung das zum Überleben und zur Reproduktion
des Organismus adäquate Verhalten und stellt damit eine stabile Beziehung
zwischen Umwelt und Organismus sicher. Das Repräsentationssystem nimmt
aktiv an den Konstruktionsprozessen teil. Die Dynamik der Umwelt spielt
dabei nur die Rolle eines Auslösers (>Perturbation), welche die durch
das Repräsentationssystem determinierten Verhaltensweisen selektiert.
Die Konzepte der trial-&-error-Strategie und der funktionalen Passung
bestimmen die Beziehung zwischen Umwelt und Repräsentationssystem.
Die Repräsentationsstruktur wird so lange versuchsweise verändert
und durch Verhalten externalisiert, bis ein intern oder extern festgestellter
Fehler minimiert bzw. der homöostatische Zustand hergestellt ist."
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