Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie
    IP-GIPT DAS=08.03.2001 Internet-Erstausgabe, letzte Änderung 17.11.7
    Impressum: Diplom-PsychologInnen Irmgard Rathsmann-Sponsel und Dr. phil. Rudolf Sponsel
    Stubenlohstr. 20     D-91052 Erlangen * Mail: sekretariat@sgipt.org_Zitierung  &  Copyright

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     Willkommen in unserer Internet-Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie, Abteilung AD-H-D, Bereich Erwachsene, und hier speziell zum Thema:

    Zur Diagnostik und Therapie erwachsener
    AD-H-D Persönlichkeiten

    Erfahrungsbericht, Ideen und Konzepte aus allgemein-integrativer
    und multi-modal-verhaltenstherapeutischer Sicht

    von Rudolf Sponsel, Erlangen
    Querverweise.

    Schriftliche Ausarbeitung des Vortrags bei der ADHS Regionalgruppe Bamberg
    (Mittwoch, 7.3.2001, 20.00 Uhr).

    Zum Geleit nach G. B. Shaw:
    "Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert."

        Vielen Dank für die Einladung. Ich heiße Rudolf Sponsel, bin Psychologe und psychologischer Psychotherapeut und in freier Praxis in Erlangen seit 1977 tätig, seit 1985 zusammen mit meiner Frau. Sie brauchen nicht mitschreiben. Ich habe eine Zusammenfassung mitgebracht, der Sie die Internetadresse entnehmen können, unter der Sie diesen Vortrag runterladen können.

    Zunächst möchte ich Ihnen einen Überblick geben, was ich Ihnen heute bieten möchte:
     



    Hintergrund und Einführung: wie ich zu AD-H-D kam

        Auf AD-H-D wurde ich erst ziemlich spät aufmerksam. Ausgehend von einem Jungen mit AD-H-D, der bei uns beiden in Behandlung war, verblüffte mich vor bald 5 Jahren der Kinderarzt und AD-H-D-Spezialist Dr. Hilber, Höchstadt, mit einer ebenso einfachen wie naheliegenden Idee: aus Kindern werden Erwachsene. Und was ist eigentlich mit denen? Diese Anregung schlug bei mir ein wie eine Bombe, wobei ich eigentlich gar nicht so genau weiß, warum. Doch hierzu ein Gleichnis aus der Praxis: Nun, manchmal gelingen Therapien ganz glatt, einfach und wie von selbst. Eine frühere Kollegin aus meiner Supervisionsgruppe hat dies einmal so erklärt: wenn die Zeit reif ist und die richtigen zusammenkommen, dann geht es wie von selbst. So ungefähr muß es bei mir mit der AD-H-D Erkenntnis gewesen sein:  Ich war irgendwie und auf einmal reif für die Aufnahme dieser Idee: AD-H-D bei Erwachsenen.

        Im Laufe der Zeit habe ich dann erkannt, daß ich schon viel früher auf AD-H-D in der Erwachsenentherapie gestoßen bin, ohne damals vor rund 10 Jahren zu wissen, daß diese Störung AD-H-D heißt bzw. genau einen Teil der Symptome zeigt, die für AD-H-D so typisch sind. Ab 1990 herum befaßte ich mich mit einem mir damals sehr seltsam vorkommenden Phänomen, zu dem ich ein therapiedidaktisches Paper verfaßte und das ich damals das WiNiHa-Problem nannte. "WiNiHa" war eine Abkürzung für den Sachverhalt:

        Es wollte damals einfach nicht in meinen Psychologenschädel, wie es kommt, daß Menschen, obwohl sie ganz genau wissen, was sie tun müßten, es trotzdem nicht tun und ständig mit ihren Zielen und Plänen nicht zurecht kommen. Ich hatte aber damals nicht genug PatientInnen mit diesem Problem. Um meinen Stichprobenumfang zu erweitern und das Rätsel weiter aufzuklären, beschloß ich, Volkshochschulkurse zum Zeit-Plan-Management anzubieten. Die Arbeit war zwar schlecht bezahlt, aber mein "Geschäft" bestand darin, daß der Ausgleichslohn für meine harte Arbeit in der Vergrößerung meiner WiNiHa-Stichprobe bestand. Nicht wenige besuchten den Kurs sehr unregelmäßig, einige kamen oft zu spät und die Hausaufgaben und verordneten Übungen erlitten ihr klassisches Schicksal. Sie ahnen sicher, wer da vor allem in meinen Kurs strömte ;-).
        Eine meiner interessantesten und tiefgreifendsten Erfahrungen auch in diesen Kursen war: es ist nicht die Technik, nicht die Erkenntnis und nicht das Wissen, daß einigen der KursteilnehmerInnen fehlte. Es war etwas anderes, und damals für mich selbst als Psychologe schwer zu verstehendes. Und Sie wissen es natürlich: es war sehr wahrscheinlich AD-H-D. Und was machen wir nun mit dieser Erkenntnis, mit dieser Erfahrung? Ist alle Bemühung vergeblich und müssen wir uns damit abfinden? Oder gibt es doch Mittel und Wege, dem Problem beizukommen?

    Entscheidend ist:

    Entscheidend ist sicher erstens, daß man ein AD-H-D erkennt. Und zweitens, daß man mit der richtigen Einstellung an die Therapie heran geht. Mein Ziel hier und heute ist es, Ihnen meine grundlegenden Ideen, wie psychologische AD-H-D-Therapie funktionieren kann, darzulegen.

        Da hier wohl überwiegend Kundige, mittelbar und direkt Betroffene versammelt sind, ist dieser kleine Vortrag für mich eine Art Qualitätssicherungsmaßnahme: Kann ich mich verständlich machen? Leuchten Ihnen meine Vorschläge ein? Kann ich Ihren kritischen Fragen standhalten? Können Sie sich bei den Problemen und Erlebensbeschreibungen wieder erkennen?

        Insgesamt, meine ich, wird von vielen Seiten an AD-H-D gearbeitet und die verwirrende und unklare Situation hellt sich zwar langsam, aber doch stetig auf.

    Erfahrungen - Was wissen wir?

        Was berechtigt uns zu einer ganzen Menge Hoffnung, daß Therapie Sinn macht, daß Erfolge möglich sind und daß man wirklich etwas verändern kann?
        Nun, sehen wir uns das Leben von AD-H-D-Persönlichkeiten an, so ist zunächst einmal sehr positiv festzustellen, daß sie in ihrem Leben mächtige und große Veränderungen erleben und zeigen. Aus dem lärmenden  und nervenden Zappelphilipp ist nicht selten ein äußerlich ruhig wirkender Mensch geworden. Der sehr ichbezogen-anmutende, stets auf Mittelpunkt und Vorteil bedachte, bei jedem Blödsinn vorne und mitten drin dabei seiende Tunichtgut, hat sich zu einem überlegten und beherrschten Menschen gemausert, daß man es kaum glauben mag. Ein motorisch ungeschickter, langsamer und tapsiger Junge entwickelt als Erwachsener einen wendigen und geschickten Verhaltensstil. Geistesabwesende Träumer lernen im Laufe ihrer Entwicklung zunehmend besser, sich auf Wichtiges zu konzentrieren. Und so mancher chronisch Unpünktliche lernt so gut Termine einzuhalten, daß man fast die Uhr nach ihm stellen kann. Ich habe AD-H-D PatientInnen, die noch nie zu spät gekommen sind oder einen Termin versäumt hätten. Der impulsiv Aggressive hat sich zu einem moderat Spontanen gewandelt. Ursprüngliche Null- Bock- Olympioniken rackern auf einmal 12 Stunden am Tag was das Zeug hält (worüber die Angehörigen dann natürlich auch ncith sehr glücklich sind, das ist aber ein anderes Kapitel).

        Von einer AD-H-D-PatientIn ging die glänzende Idee aus, in der Stunde Wichtiges mitzuschreiben. Manche bevorzugen hierfür die letzten fünf Minuten in der Sitzung. Und die meisten haben Nutzen und Wert eines Therapie-Tagebuches erkannt.

        Die groben Faustregeln der bisherigen Erfahrungen sagen: bei etwa 1/3 der AD-H-D-Kinder und Jugendlichen verschwindet die Störung praktisch so gut wie vollständig. Auch daraus dürfen wir mit Fug und Recht den Schluß ziehen: es gibt echte Heilung, leider beherrscht sie derzeit nur die Natur. Obgleich es eine therapeutische Heilung bislang nicht gibt, ist die Tatsache, daß die Natur eine Heilung kennt, grundsätzlich sehr optimistisch zu bewerten, denn das heißt ja nicht mehr und nicht weniger, als daß es grundsätzlich gesehen, eine Heilung gibt. Und warum sollte die Wissenschaft der Natur nicht früher oder später ihr Geheimnis entreißen können?

        Bei einem weiteren 1/3 können wir annehmen, daß ihre AD-H-D-Merkmale so gut in die Persönlichkeit integriert werden können, daß man von einer Störung gar nicht mehr sprechen sollte, allenfalls von einer akzentuierten Persönlichkeit mit einem AD-H-D- Persönlichkeitsstil.

        AD-H-D, das ist fast ein Symbol für den Wandel. Kaum jemand kann sich so gut, so überraschend und - langfristig gesehen - so vielseitig wandeln wie AD-H-D- Persönlichkeiten.

        PsychotherapeutInnen sind daher bestens beraten, wenn sie statt viele Bücher zu lesen und eine Fort- und Weiterbildung nach der anderen zu machen, das Leben und den Wandel von AD-H-D-Persönlichkeiten studieren. Und da sind sicher einige Geheimnisse der Therapieerfolge versteckt. Im Grunde müssen wir uns nur viel erzählen lassen; genau, sehr genau und einfühlsam zuhören, um sodann zu sehen: aha, so ist das hier gelaufen, aha, so ist das dort gelaufen. Donnerwetter, die das hat so gemacht. Sieh mal an, das geht auch auf diese Weise. Die Lebenserfahrungen von AD-H-D-Persönlichkeiten sind daher von unschätzbarem therapeutischen Wert. Daher sollten wir viele Lebensläufe sammeln, studieren und analysieren und veröffentlichen, um daraus gemeinsam zu lernen.

        Obgleich das Leben selbst eine außerordentlich erfolgreiche und tüchtige TherapeutIn sein kann, so ist es doch manchmal auch recht grausam und läßt sich viel Zeit. Deshalb sind die Wünsche und Phantasien nach wirksamen Therapien, die nicht so grausam sind und nicht so viel Zeit beanspruchen, ebenso menschlich wie verständlich. Obwohl es viele auch so schaffen, und nicht wenige sogar gut schaffen, verspüren wir doch alle den Wunsch, hier ein bißchen schneller, weniger auf den Zufall und die Lebenslotterie angewiesen und weniger mühsam mit Versuch und Irrtum voran zu kommen. Also stellen wir sogleich die Gretchenfrage, steigen wir ein ins Eingemachte der AD-H-D-Therapie:

    Wie kann ich mit AD-H-D gut leben lernen?

        Als erstes die gute Nachricht: es geht. Ohne jeden Zweifel ist das für viele AD-H-D Persönlichkeiten möglich. Und nun die schlechte Nachricht: Es fliegt Ihnen nicht einfach so zu und meist müssen Sie es sich erarbeiten. Dazu gehört als erstes, falsche und phantastische Wunschvorstellungen aus dem Hirn zu pusten. Denn in manchen Köpfen wie auch gelegentlich in einigen Selbsthilfegruppen geistert die Phantasie durch die Köpfe: wir sind zwar anders, aber völlig o.k., die Gesellschaft muß uns nur endlich in unserer individuellen Eigenart tolerieren, dann ist alles gut. Das gilt nur für die, die es geschafft haben und ist zumindest bei schwierigeren und lästigeren Merkmalen unrealistisch und im Grunde ein Programm für das Paradies. Aber dort sind wir nicht. Daher möchte ich später lieber handfeste und solide Grundlagen für unser Leben hier und jetzt, morgen und übermorgen auf dieser Erde vorschlagen. Eine Vorstellung derart: Gestatten: Ich bin eine ADS'lerIn und daher bitte ich darum, mir Sonderrechte zu gewähren, wird in den allermeisten Fällen nicht funktionieren.

    Probleme der Diagnostik und der Differentialdiagnostik

        Ich studiere seit nunmehr ungefähr 3,5 Jahren jugendliche, heranwachsende und vor allem erwachsene AD-H-D-Persönlichkeiten. Inzwischen habe ich einige - die durchhielten und mit meinem Ansatz zurecht kamen - auch erfolgreich therapeutisch begleitet und gecoacht. Auf das schwierige Diagnoseproblem möchte ich nur kurz eingehen. Hierzu ist m. E. ein eigenes Forschungsprogramm notwendig, das ich ab morgen im Internet veröffentlichen werde. Lynn Weiss hat in ihrem Buch die AD-H-D-Kernsymptome kurz und bündig zusammengefaßt:
     

       
      • Impulsivität, Hyperaktivität und Unruhe
      • Unkonzentriertheit und leichte Ablenkbarkeit
      • Starke Stimmungsschwankungen
      • Überempfindliche und gereizte Reaktionen
      • Probleme mit Ordnung und Organisation (z.B. Messies)

      •  

        AD-H-D kommt zusammen mit einer Vielzahl von Störungen vor. Die häufigste Kombination in der Praxis ist die Trias AD-H-D, Borderline und untypische Depression. Die schillernde Vielfalt, die mit AD-H-D einhergeht, ist der Grund, warum so viele Fachkundige hilflos, mißtrauisch und auch ablehnend reagieren und dazu neigen, AD-H-D für eine amerikanische Marotte oder eine neue Psychomode zu halten. Hinzu kommt das alljährliche Evergreentheater um das Ritalin. Die eigentliche AD-H-D-Kerndiagnose ist nicht so schwierig. Ich selbst habe ein Verfahren entwickelt, das folgende Erhebungen vorsieht:
     

       
      AD-H-D Standarddiagnostik in unserer Praxis (Service)
    • AD-H-D-Test mit 89 Fragen zum AD-H-D Kern. Außerdem werden 150 Fragen zu anderen Störungen (Komorbidität) und zu den positiven Ressourcen erhoben
    • Grundschul-Zeugnisanalyse
    • Rückblickende DSM-IV Diagnosekriterien mit Erhebung der Teilleistungsschwächen
    • Zur Abschätzung der AD-H-D Auswirkungen auf die Lebensqualität, Gesundheit und Befindlichkeit wird noch eine Befindlichkeitsanalyse durchgeführt
      •  

     
     
    Die schillernde Vielfalt, die AD-H-D umgibt, erfordert in jedem Einzelfall eine eingehende, individuelle AD-H-D- spezifische Anamnese (= störungsspezifische biographische Analyse) und Differential-Diagnostik, um einen bestmöglichen interdisziplinären und multi-modalen Rahmen-  Therapieplan und Bausteine für die einzelnen individuellen Therapieziele zu entwickeln. 

    Ich möchte das hier nicht weiter vertiefen, sondern mich mit dem Hinweis begnügen, daß ich im Laufe der nächsten Jahre solche Therapieplan-Bausteine im Internet veröffentlichen werde, schauen Sie halt ab und zu rein. Ich denke, daß es für Sie im Moment interessanter ist, die grundlegenden Therapieprinzipien vermittelt zu bekommen, mit denen Sie selbst schon etwas anfangen können.
     

          Wir kennen die vor allem von Kinder- und JugendpsychiaterInnen und der medizinischen Forschung erbrachten Ergebnisse zum biologischen Kern: eine Neurotransmitterstörung im Gehirn. Damit ist klar, daß diese Störung korrekt zu den organischen Psychosyndromen gehört. Formal erfüllt diese Störung bei etwa 1/3 bis der Hälfte der Betroffenen, wo sie sich für den geschulten und kundigen Blick wie ein roter Faden durch von der Kindheit und Jugend bis ins Erwachsenenleben verfolgen läßt, auch das Teilkriterium einer sog. Persönlichkeitsstörung. Im Unterschied zu Neurosen, psychosomatischen Störungen, Belastungs- und Anpassungsstörungen, den Süchten und auch Psychosen, verlangt man in den internationalen Diagnosesystemen für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung als eine notwendige Bedingung, daß sie sich wie ein roter Faden spätestens mit der heranwachsenden Zeit durchgängig im Leben erkennen läßt.

        AD-H-D ist demnach, wenn es entsprechend ausgeprägt ist, eine Verbindung aus einem organischem Psychosyndrom und - formal gesehen - teilweiser Persönlichkeitsstörung (von Persönlichkeitsstörungen spricht man allgemein dann, wenn jemand selbst oder andere unter seiner Eigenart über Gebühr leiden und man dies nur schwer und selten aus eigener Kraft beeinflussen und verändern kann und sich dieses Phänomen wie ein roter Faden ab der heranwachsenden Zeit durchgängig durch das Leben zieht).

    Die scheinbare Paradoxie der Untherapierbarkeit

      Damit sind wir bei einem Problem, das in der Wissenschaft und Heilkunde sehr streitig diskutiert wird. Denn wie soll man denn  eine organisch bedingte teilweise Persönlichkeitsstörung [hierzu meine engagierte Buchbesprechung zu Fiedler], die ja nach ihrer Definition kaum zu verändern ist, therapeutisch positiv beeinflussen können? Auf den ersten Blick erscheint dieses Argument bestechend und schlagend. Wie will man mit psychologischen Methoden eine organische Störung beeinflussen? Und wie will man mit psychologischen Mitteln Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen, die nach ihrer Definition eigentlich gar nicht beeinflußt werden können? Beißt sich die Katze hier etwa schon in den Schwanz, bevor er überhaupt schon richtig ausgewachsen ist? Ist hier etwa die Quadratur des Kreises verlangt und werden in der AD-H-D-Therapie schwarze Schimmel gebastelt?

        Sie werden gleich sehen, daß die Probleme zwar sehr feinsinnig und logisch paradox anmuten, aber durchaus so vernünftig aufbereitet werden können, daß wirkungsvolle therapeutische Meta-Strategien - das sind solche, mit denen man sozusagen mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt - aus den folgenden Beispielen, Analogien und Gleichnissen entwickelt werden können.

    12 Beispiele, Analogien und Gleichnisse von Bewältigungsmechanismen im Alltag

    [Meta-strategische Schlüsselbegriffe fett-kursiv]

        1. Beispiel Brille: Sieht man schlecht, kann eine ausgleichende Brille sehr hilfreich sein. Ohne Zweifel ist schlecht sehen eine organische Störung, die sich im allgemeinen von ihrem Beginn an wie ein roter Faden durchs Leben zieht. Schlecht sehen ist aber sehr erfolgreich behandelbar, durch Ausgleich mit einer Brille, Kontaktlinsen oder mit Hilfe von Vergrößerungsgläsern.

        2. Beispiel Prothese: Hat man nur noch ein Bein, kann das fehlende Bein durch eine Prothese ergänzt und damit der Mangel ausgeglichen werden und so gesehen sehr nützlich sein.

        3. Beispiel Haltung: Wer seine Bandscheiben durch eine falsche Haltung unangemessen strapaziert und gefährdet, kann lernen, diese falsche Haltung aufzugeben.

        4. Beispiel Hörgerät: Wer schlecht hört, was im Laufe der Zeit sehr einsam und mißtrauisch machen kann, kann sich ein Hörgerät zulegen und den Mangel damit ausgleichen.

        5. Beispiel Uhr: Wer wissen will, wie spät es ist, schaut auf eine Uhr (auf die Uhr schauen = kontrollieren)

        6. Beispiel Stoffmangel, z. B. Insulin: Leidet jemand an einer bestimmten Krankheit, die durch einen bestimmten Stoffmangel aufrechterhalten wird, so kann ein Medikament, das diesen Stoffmangel ausgleicht, die Auswirkungen dieser Krankheit völlig zum Verschwinden bringen. Zu beachten ist: nicht die Krankheit, aber die Auswirkungen der Krankheit verschwinden.

        7. Beispiel langsam: Wer von Natur aus sehr langsam ist, kann sich früher auf den Weg machen. Er gleicht seine Langsamkeit durch mehr Zeit zur Verfügung stellen aus (indem zeitiges auf den Weg machen gestaltet wird).

        8. Beispiel Müdigkeit: wer müde ist, braucht eine Pause, Erholung oder Schlaf oder hält sich mit großer Energie oder Aufputschmitteln weiterhin wach. Die Abwechslung von Anstrengung und Erholung ist eine Frage der Gestaltung.

        9. Beispiel Wetter: Sieht es nach Regen aus, kann man sich darauf einrichten, z. B. wetterangemessen anziehen (kleiden als gestalten).

        10. Beispiel Bremse: Und wer zu schnell ist, muß lernen vom Gas runter zu gehen oder auf die Bremse zu treten (auf den Tacho schauen = gestalten, Gas oder Bremse = Kontrolle).

        11. Beispiel blasen: Ist die Suppe zu heiß, kann ich entweder warten oder blasen, um sie abzukühlen (blasen = gestalten, was zum Ausgleich führt).

        12. Beispiel ausbüchsen: Und wer gern ausbüchst, sich um das Vorgenommene oder Unangenehme drücken will, muß lernen, sich solche Schlingen zu legen, daß es kein Entrinnen gibt. (Sich Schlingen legen bedeutet, sein Verhalten zu gestalten und vorzubahnen, wobei ausbüchsen kontrolliert wird. Bei entsprechend häufiger Anwendung kann ausbüchsen kontrollieren gelernt und zu einer Gewohnheit entwickelt werden).

        Wir werden nun die immer gleichen und wiederkehrenden Merkmale in diesen Beispielen analysieren und auf wenige Grundbegriffe bzw. Prinzipien bzw. "Meta-Strategien" zurückführen. Meta-Strategien sind allgemeine, bei denen sozusagen mehrere Fliegen mit einer Klappe gefangen werden - zurückführen.

    Sechs mächtige psychologische Heilmittel und Meta-Strategien

        Wer als AD-H-D'lerIn unter gröberen Folgen dieser Neurotransmitter-Störung leidet und gut leben will, muß seinen persönlichen Weg finden. Das will gelernt sein. Hierzu sind sechs wichtige und grundlegende therapeutische Meta-Strategien sehr hilfreich. Die sechs Schlüsselworte, die Ihr Leben, Ihr Leiden, Ihre Mißerfolge grundlegend verändern können, heißen:
     

    1) einstellen, 2) ausgleichen, 3) kontrollieren, 4) gestalten, 5) lernen, 6) gewöhnen

    Meta-Strategie Richtige Allgemeine Einstellung

    Hier geht es um zwei Varianten der Einstellung: die allgemeine und grundlegende und die jeweils problemspezifische. Geben Sie für die Buntwäsche das Waschprogramm Kochwäsche an, ist es, wie die Selbständigen und Emanzipierten unter uns sicher wissen, passiert. Ist die Stanzmaschine falsch eingestellt, produziert sie Schrott und eine Menge Geld ist futsch. Sind die Ampeln falsch eingestellt, gibt es Staus und Chaos. Ganz wichtig für die grundlegend richtige Einstellung zu AD-H-D ist: es handelt sich um eine biologisch fundierte Störung, die man noch nicht direkt heilen kann. Es kommen nur indirekte Heilmittel in Frage, wovon ich ihnen ein halbes Dutzend sehr allgemeiner und mächtiger vorstellen möchte, nämlich:

    Meta-Strategie Richtige problemspezifische Einstellung:  Waschmaschinen-Gleichnis

      Bei jeder Problemlösung, bei jedem speziellen Therapieziel und Therapiebaustein steht am Beginn die Frage der persönlich richtigen Einstellung. Bevor Sie irgend einen Therapiebaustein nach der Methode "halt-so-und-irgendwie" angehen - ein Mißerfolg ist dann nicht selten - sollten Sie die Gretchenfrage zur persönlich richtigen Einstellung überprüfen: Weiß ich, was, wozu, wie oft, wie lange ich dieses oder jenes tun will und wie kontrolliere ich, ob ich auf dem rechten Weg bin und vorwärts komme?


    Meta-Strategie ausgleichen: Brillen Gleichnis

      Ein sehr grundlegendes Problem bei AD-H-D ist, daß viele Informationen auf Sie einstürmen und eine die andere ablenkt, was dazu führt, daß immer wieder Vorhaben aus der Supervision des Bewußtseins verschwinden. Es ist daher von größter Bedeutung, sich entsprechende Filter- (fokussieren), Aufmerksamkeits- (lange genug "belichten", wiederholen), Selbstkontroll- (Erinnerer einsetzen) und Merktechniken (aufschreiben, Zeichen) anzueignen.


    Meta-Strategie Kontrollieren: Uhrzeit Gleichnis

      Diese Meta-Strategie ist außerordentlich mächtig und bedeutsam. Hierher gehört z. B. das Impulskontrolltraining, das Vorbeugen und Vorkehrungen treffen, die Supervision des Verhaltens etwa durch die Kombination von Planung auf der einen und Erinnerungstechnik auf der anderen Seite.


    Meta-Strategie Gestalten: Angemessen anziehen Gleichnis

      Gestalten ist - wie sein Gegenstück anpassen - ebenfalls ein sehr mächtiges und vielseitiges psychologisches Heilmittel. Sich eine entsprechende, förderliche Umgebung und Arbeit suchen; Tagesorganisation und Planung gehören z. B. dazu.


    Meta-Strategie Lernen: Fahrradfahr-Gleichnis

      Lernen gehört neben dem Lenken zu den allgemeinsten und mächtigsten psychologischen Heilmitteln. Man kann nicht alles, aber doch sehr vieles lernen. Lernen heißt, ich muß Zeit, Aufwand und Tun investieren. Die allerwichtigste, aber auch schwierige Lernaufgabe bei Erwachsenen - die ja weitgehend relativ frei in ihrer Selbstverwirklichung sind - ist, zu lernen, sich Schlingen zu legen, die einzige wirksame Waffe, um sich Unangenehmem so oft und lange zu stellen, daß lernen eintritt. Wir alle wissen, daß AD-H-D-Persönlichkeiten MeisterInnen im Ausbüchsen sind. Der Selbstkontrolltechnik Schlingen legen, kommt daher eine schwer zu überschätzende Bedeutung zu. Bekannte Schlingen sind öffentliche Erklärungen und Versprechungen (vorausgesetzt, sind nicht gerade PolitikerIn ;-), Wetten und vor allem rigorose Selbstanreiztechniken, die gnadenlos greifen und bei denen es kein  Entrinnen gibt. Beispiel: Geben Sie mir 1000.- DM und nennen Sie mir die verachtungswürdigste Einrichtung, die Sie kennen. Ich werde Ihre 1000.- DM dorthin überweisen, wenn Sie Ihren Therapiezielvorsatz nicht umsetzen. Das nennt man eine kunstgerechte Schlinge legen. Das Motiv, 1000.- DM nicht an die verachtungswürdigste Organisation zu verlieren, wird so stark, daß es den Therapiezielvorsatz durchsetzt.


    Meta-Strategie Lernen bis zur Gewohnheitsbildung: Gleichnis Zähne putzen

      Wirklich gelöst hat jemand ein Problem, wenn es durch Gewohnheitsbildung endgültig unter halbautomatischer Kontrolle nicht mehr zum Vorschein kommt. Diese höhere Meta-Strategie bezeichnen wir mit gewöhnen. Lernen bis hin zur Gewohnheitsbildung ist ein schwer zu überschätzendes Heilmittel, weil es bedeutet, daß man sich nicht mehr tagtäglich am Riemen reißen und immer wieder die kostbare und leicht erschöpfbare Willenskraft bemühen muß und dadurch immer wieder aufs Neue demoralisiert wird, weil es doch wieder nicht geklappt hat. Wer durch Lernen neue Gewohnheiten bilden kann, der hat es geschafft.

    Visualisieren als Strategie des Lernens
    So und wie lernen Sie jetzt diese 6 Grundprinzipien?

    Stellen Sie sich bitte folgendes verrücktes Bild vor:
     

     
    Ein Polizist mit einer riesigen Brille balanciert mit seinem Fahrrad auf einer Waschmaschine während er sich dabei die Zähne putzt.
    Hierbei symbolisieren:
    Polizist ......... kontrollieren
    Brille ........... ausgleichen 
    balancieren ...... gestalten
    Fahrrad (fahren).. lernen 
    Waschmaschine .... einstellen
    Zähne putzen ..... gewöhnen


    Kognitive Therapie einer problemspezifischen Einstellung am Beispiel "Langeweile"

    Das Erleben von Langeweile ist für manche AD-H-D'lerInnen kein geringes Problem. So gesehen ergibt sich ein gewisser Bedarf, zur Lösung dieses Problem Therapiebausteine zu  entwickeln. Einen davon möchte ich Ihnen hier vorstellen und Sie gleich zu einem interessanten Versuch zur Kognitiven Therapie der Einstellung zur Langeweile einladen.

    Versuchsbeschreibung:
     
    Im folgenden finden Sie fünf sehr ähnlich klingende Aussagen zur Langeweile. Bringen Sie diese fünf Aussagen bitte in eine aufsteigende Ordnung 1,2,3,4,5, so wie die Aussagen am günstigsten für Ihre Einflußmöglichkeiten sind. Beginnen Sie mit der ungünstigsten Formulierung (Platz 1) und hören Sie mit der für Sie günstigsten (Platz 5) auf.
    O1)  Mir ist langweilig   1)=
    O2)  Es ist mir langweilig  2)= 
    O3)  Ich langweile mich  3)= 
    O4)  Es ist langweilig  4)=
    O5)  Es langweilt mich  5)=

    Zu: Lösung und Erklärung zum Langeweile-Versuch


    Zur Beziehungsgestaltung in der Therapie

        Die PsychotherapeutIn kann es nicht allein, deshalb ist es von großem Nutzen und eine echte Hilfe, wenn Sie öfter sagen, wenn es denn so ist: (1) Das verstehe ich nicht;  (2) damit kann ich im Moment wenig  anfangen; (3) ich merke soeben, wie ich immer weniger hier bei der Sache bin und abdrifte; (4) ich fühle Ärger aufkommen; (5) ich fühle mich hier ... nicht richtig verstanden; (6) es fällt mir schwer, mich auszudrücken und zu  vermitteln, wie das bei mir genau ist. (7) Mir gefallen diese Aufgaben nicht (welche wären dann geeigneter?). (8) Ich weiß nicht recht, was das mir helfen soll (was hat denn schon mal geholfen?). (9) Ich habe den Eindruck, daß Sie mich in/mit ... nicht richtig verstehen (ernst nehmen). (10) Diese Aufgabe erscheint mir noch zu schwer, das schaffe ich noch nicht (was ginge denn?). (11) Das gefällt mir. (12) Das leuchtet mir ein. (13) Das probier ich aus. (14) Das möchte ich mir aufschreiben. (15) Wie könnte das praktisch ausschauen?

        Es ist sehr wichtig, sehr hilfreich und sehr erfolgsdienlich, daß die Arbeitsbeziehung für beide Seiten richtig eingerichtet und gestaltet wird. Damit wäre dann ein therapeutischer Rahmen und eine Basis geschaffen, um eine individuelle AD-H-D-Therapie gut auf den Weg und vorwärts zu bringen. Je mehr direkt in und mit der Sitzung gearbeitet werden kann,  desto schneller und besser kann ein Problem direkt untersucht, verstanden und angegangen werden.


    Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit 
    Therapie ist hier sehr weit zu verstehen: Das kann eine therapeutische Eigeninitiative sein, das kann in kleinerer Runde oder in einer Selbsthilfegruppe oder auch als professionelle Beratung, Coaching bis hin zu einer Therapie im engeren klinischen Sinne stattfinden. Eine Gewähr oder gar Haftung wird für keine Aussage oder Empfehlung übernommen. Wer sich in Therapie befindet, sollte die hier geäußerten Ideen, Aussagen oder Empfehlungen nicht ohne Absprache mit der TherapeutIn anwenden.

    Danke: Liebe Bamberger, ich danke Euch für den Empfang, die hervorragende Aufmerksamkeit und die ausgezeichnete Motivation beim guppendynamischen Langeweile-Versuch: es wurden 3-4er Gruppen gebildet, eine Trillerpfeife ;-) beendete den Versuch und die Kleingruppen-Diskussion. Anschließend besprachen wir die nahezu vollständig richtigen Lösungen.

    Halbes Dutzend: Es gibt natürlich viel mehr, ich arbeite seit ein paar Jahren an ca. 25 Therapiebausteinen und es wird noch ein paar Jahre dauern, bis sie alle hinreichend entwickelt und ausgereift sind. Eingedenk der Goethe'schen Sentenz "In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister" oder "weniger ist mehr" habe ich mich für hier und jetzt und heute auf ein halbes Dutzend beschränkt, um eine überschaubare Basis zu schaffen.



    Änderungen wird gelegentlich überarbeitet, ergänzt und vertieft * Anregungen und Kritik willkommen
    22.10.06    Layout, Links.



    Querverweise
    Standort: Zur Diagnostik und Therapie erwachsener AD-H-D Persönlichkeiten.
    *
     Aktuelles aus Wissenschaft und Forschung zu ADHD.
    Zum Überblick AD-H-D Seiten * ADHD-Service-iec-verlag * Das AD-H-D Forschungsprojekt der GIPT
    * Informationen für Geringstverdienende zum kostenlosen Angebot einer AD-H-D Testauswertung
    bei Teilnahme an der fortgesetzten Reliabilitätsstudie 2006 ff *
    *
    AD-H-D-Testsystem ab 16.9.2 für Bezugsberechtigte lieferbar
    Angebot * Zusammenfassung (Abstract) *  Einwilligungs- und Kenntnisnahmeerklärung * Hintergrund/Stand Computerauswertung
    Infos zu Änderungen, Ergänzungen, Korrekturen AD-H-D-Testsystem16.9.2
    http://www.iec-verlag.de/adhd/tp_info.htm               *   Information vom 16.9.2002
    *
    Testmaterialpaket für Bearbeitungsinteressierte zum Herunterladen 
    Angebot und Info-Überblick * AD-H-D-Test * DSM-IV+ * BA
    *
    Suchen in der IP-GIPT, z.B. mit Hilfe von "google": <suchbegriff> site:www.sgipt.org
    AD-H-D site:www.sgipt.org * ADS site:www.sgipt.org * ADD site:www.sgipt.org
    *
    Dienstleistungs-Info.
    *


    Zitierung
    Sponsel, Rudolf (DAS). Zur Diagnostik und Therapie erwachsener AD-H-D Persönlichkeiten
    Erfahrungsbericht, Ideen und Konzepte aus allgemein-integrtaiver und multi-modal-verhaltenstherapeutischer Sicht. Schriftliche Ausarbeitung des Vortrags bei der ADHS Regionalgruppe Bamberg
    (Mittwoch, 7.3.2001, 20.00 Uhr) von Rudolf Sponsel, Erlangen. Internet Publikation  für Allgemeine und Integrative Psychotherapie  IP-GIPT. Erlangen: http://www.sgipt.org/gipt/hypak/eb010307.htm
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