Internet Publikation für
Allgemeine und Integrative Psychotherapie
(ISSN 1430-6972)
IP-GIPT DAS=23.05.2004
Internet-Erstausgabe, letzte Änderung
2.2.13
Impressum:
Dipl.-Psych.
Dr. phil.Rudolf Sponsel Stubenlohstr. 20 D-91052 Erlangen
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sekretariat@sgipt.org_Zitierung
& Copyright
Anfang_Bewußtsein+Aufmerksamkeit_
Überblick_Rel.
Aktuelles_ Rel.
Beständiges _Titelblatt_Konzept_
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Service_iec-verlag____Wichtige
Hinweise zu Links und Empfehlungen
Willkommen in unserer Internet-Publikation für Allgemeine
und Integrative Psychotherapie, Abteilung Allgemeine Psychologie, Bereich
Bewusstsein, und hier speziell zum Thema:
Psychologie des Bewußtseins und der Aufmerksamkeit
Zur Psychotherapie der Bewußtseins- und der Aufmerksamkeits-Lenkung(sstörungen)
Zugleich AD-H-D-Forschungsbericht
2004-2
von Rudolf Sponsel, Erlangen
Vorbemerkung: Im folgenden werden
Termini,
Metaphern und Modelle [Welten]
entwickelt, die an der psychologisch- psychotherapeutisch praktischen Arbeit
orientiert sind; die neurobiologische Perspektive wird nur am Rande gestreift
[1,
2,
], auf neuroanatomische Zuweisungen, die therapeutisch nichts bringen,
wird gänzlich verzichtet. Wenigstens sollen durch diese Arbeit eine
Sprache und differenzierte Termini zur Verfügung gestellt werden,
die die Kommunikation und Diagnostik bezüglich Bewußtseins-
und Aufmerksamkeitslenkung erleichtern und fördern.
Einführung:
Modell der Lebensströme: Ereignis-, Erlebnis- und Bewußtseinsstrom
In dieser Arbeit sollen die psychologischen terminologischen
Grundlagen für eine Theorie der Bewußtseinsregulierung und der
Aufmerksamkeit entwickelt werden. Zunächst seien drei Daten-Ströme
unterschieden:
Abb.
01: Modell der Lebensströme nach Sponsel 1995, S. 179.

Der Ereignisstrom repräsentiere all das, was auf der Welt geschieht.
Der Erlebensstrom repräsentiere all das, was sich in mir abspielt,
was in meinem Körper und in meinem "Betriebssystem" Seele und
Geist geschieht. Das Wenigste, was um uns herum geschieht, erleben wir
auch. Und nur ein kleiner Teil von dem, was wir erleben, ist uns auch bewußt.
Einige
Grund- und Gretchtenfragen an die Bewußtseinsregulierungs- und Aufmerksamkeitstheorie
_
Warum
und wie ist es zur Bewußtseinsentwicklung gekommen ?
Eine sinnvolle Hypothese ist, daß Bewußtsein und Bewußtheit
durch die Evolution begünstigt wurden. Begründet man biologisch,
vergleicht man die Überlebenschancen von Biosystemen mit, ohne oder
so oder so stark entwickeltem Bewußtsein.
Abb. 0: Modell Bewußtseinsapparat der Lenkung
nach Sponsel 1995, S. 183.
Bewußtsein und Bewußtheit ist damit eine wichtiger Faktor
zur Willensfreiheit.
Bewußte Wesen können innehalten und reflektieren, abwägen,
abwarten und planen.
Warum
und wie tritt dieses oder jenes Element in das Bewußtsein
?
Wie-Metapher. Eine einfache Zugangsmetapher
besagt, daß man das Nicht- oder Unbewußte wie ein Meer auffassen
kann. Dieses Meer spült nun mehr oder minder viel und schnell an den
"Strand" des Bewußtseins. Einiges Angespülte verschwindet sogleich
im Nichts, anderes dringt vor in das Bewußtsein und gerät sogar
ins Zentrum. Wie kommt das? Wie sollen und dürfen wir uns das vorstellen?
Warum dringen manche Elemente gar nicht vor, warum verschwinden manche
sogleich, warum verbleiben welche am Bewußtseinsrand?
Modell "einfacher" Bewußtseinsvorgänge
in der Allgemeinen und Integrativen Psychotherapie
(1) befindet im Zentrum des Bewußtseins (Zentralbewußtsein).
(2) ist ebenfalls im Bewußtsein, doch nicht im Zentrum, mehr
am Rand (Randbewußtsein).
(3) berührt gerade den "Rand" des Bewußtseins (Grenzbewußtsein).
(4) Im "Meer" des Nichtbewußten befinden sich viele, derzeit
nichtbewußte Erlebniselemente.
Selbsterfahrungsfragen Introspektion
(ich schaue in mein Bewußtsein und was bemerke ich da?):
(1) Was ist im Augenblick in meinem Zentralbewußtsein?
(2) Was bekomme ich am Rande mit?
|
 |
Warum-Metapher. Stellen Sie sich vor,
daß alles Geschehen unterschiedlich wichtig, lustvoll oder - allgemein
- wertvoll für Sie ist. Sie hören z.B., wie jemand eine Türe
schließt: Wertzuweisung 0. Ihnen fällt ein, daß Sie noch
Brot besorgen müssen: Wertzuweisung 2, Supervisionsvermerk (d.h.,
es soll nicht vergessen werden, bis es erledigt ist). Alles, was geschieht,
durchläuft eine Wert-Abteilung, wird fortlaufend bewertet und erhält
dort jeweils eine aktuelle Wertzuweisung. Eine letzte Wertzuweisung könnte
lauten: "erledigt, kann vorübergehend oder endgültig vergessen
werden." Wir können uns nun unterschiedliche Prioritätenklassen
denken, z.B. Priorität I, II, III, wobei I bedeuten möge, absolute
Priorität (z.B. Feueralarm; Kind schreit, weil es vom Tisch gefallen
ist; Chef verlangt unverzüglich nach mir), alles muß sofort
unterbrochen werden, alle Kräfte konzentrieren sich auf das Geschehen
mit der Priorität I. Die Priorität II. mag bedeuten, sehr wichtig,
muß in den nächsten Minuten oder Stunden gemacht werden und
Priorität III. kann bedeuten, muß gemacht werden, hat aber Zeit
bis da oder dorthin.
| Hypothese: Ein Element tritt ins Bewußtsein,
wenn es mit einem bestimmten Wert ausgestattet wurde. Sein Wert ist sozusagen
der Schlüssel für das Schloß, das ins Bewußtsein
führt. Sodann entscheidet die Bewußtseinslenkung (eine Funktion
des Super-ICHs), wie lange
das Element im Bewußtsein bleibt und mit welchem Supervisionsstatus
es vorläufig erfaßt oder ob es abgelegt werden kann. |

Wie kann diese Hypothese bewiesen werden? Zunächst erscheint ein
Existenzbeweis sinnvoll, indem gezeigt wird, daß es solche Vorgänge
überhaupt gibt. Der nächste Schritt wäre, daß beliebige
Vorgänge herausgegriffen werden, um zu zeigen, daß auch diese
mit diesem Modell erklärt werden können.
| Existenz-Beweis: Überlegen
Sie, wann und unter welchen Umständen sie das 23. mal zuvor auf der
Toilette waren. Der letzte Toilettengang erhält die Ordnungszahl 1,
der vorletzte die Ordnungszahl 2, usw. Prognose: Sie können
das nicht rekonstruieren. Erklärung: weil es erledigt und nicht
mehr wichtig ist. Einen experimentellen Beweis für das Behalten unerledigter,
mithin noch wichtiger Sachen, liefern die gleichnamigen Experimente von
Bluma
Zeigarnik, einer Schülerin des großen Gestaltpsychologen
Kurt Lewin [1,
2,
]. Wenn Sie in der Stadt unterwegs sind und plötzlich ein dringendes
Bedürfnis verspüren, so wird Ihr Bewußtsein sehr erfüllt
sein, von Überlegungen, wie Sie auf dem schnellsten Weg eine Toilette
erreichen können. Haben Sie das geschafft, haben Sie ein eindrucksvolles
Erlebnis des Gefühls der Erleichterung. |
Warum
und wie kommt es, daß dieses oder jenes Element aus dem Bewußtsein
verschwindet ?
Das Element verliert an Wert, im günstigen Fall dadurch, daß
die Aufgabe erledigt ist. Aber vielleicht auch, weil erkannt wird, daß
die Beschäftigung nicht weiter dienlich oder positiv bewertet wird.
Oder das "Ablaufdatum" für die Warteschleife ist eingetreten. Es wurde
von anderen, inzwischen von anderen, für wichtiger befundenen Elementen
aus der Warteschleife geschoben. Werden z.B. neue Reize mit einer aktuell
höheren Wertigkeit ausgestattet, können die älteren an Priorität
oder Status einbüßen. Ganz allgemein kann ein Modell vertreten
werden, wonach ein Element aus dem Bewußtsein verschwindet, wenn
die Bewußtseinssupervision dies erlaubt oder sogar fordert:
Die Bewußtseins-Supervision
Alltagsbeispiel: Wenn Sie zum Einkaufen gehen "vergessen" Sie unterwegs
gewöhnlich, was Sie einkaufen wollen, Sie nehmen die unmittelbaren
Ereignisse wahr, denken auch an dieses oder jenes. Wenn Sie nach einer
Weile angekommen sind, fällt Ihnen plötzlich wieder ein, was
Sie alles kaufen wollten. Wie sieht ein solches System aus, wie können
wir uns das vorstellen? Nun, ein solches System sollte wie folgt funktionieren:
Achtungs-Reize (Merkmale des Zielgeschäftes) werden in der Supervision
(Supervisionsgedächtnis) abgelegt. Sie sind mit dem Gedächtnis
verbunden, die bei Erfülltsein der Achtungsbedingungen (Ankunft im
Geschäft) einen Gedächtnisabruf veranlassen (einfallen).
Die folgende Übersicht gibt Auskunft, an welchen Stellen die Supervision
scheitern oder gestört sein kann und wo sie kognitiv-therapeutisch
gefördert oder trainiert werden sollte:
Warum
und wie geschieht gelenkte Bewußtseinstätigkeit ?
Für die meisten Erlebenden geschieht ihr Bewußteinserleben
quasi wie von selbst. Die wenigsten erleben sich als bewußtseins-lenkend.
Das hat wohl auch damit zu tun, daß man im Erleben
sein Lenken schlecht mitbekommt, weil man sozusagen drinnen ist. Ja, man
kann sogar sagen, daß eine bewußte Lenkung, so lange man sich
im Bewußtseinsstrom befindet und erlebt, nicht oder nur eingeschränkt
möglich ist. Dies wirft die spannende Frage auf, ob nicht-bewußte
("unbewußte") Lenkungsprozesse angenommen werden sollen oder gar
müssen. Lenken bedeutet zwingend das Einnehmen einer Meta-Perspektive.
Und das bedeutet, ich trete aus dem Bewußtseinsgeschehen heraus und
betrachte es aus höherer Perspektive. Dies äußert sich
z.B. auch in der Erfahrung, daß Gefühle sich leicht verflüchtigen
können
(auch
das Gegenteil ist möglich bei Mißempfindungen oder Angst), sobald
man die Aufmerksamkeit auf sie richtet, daß also die Beobachtung
das Beobachtungsobjekt verändert.
Dieses Modell hat eine Entsprechung und ein Vorbild im Modell des Sehens,
das eine ständige Bewegung der Augen erfordert, die der Mensch gewöhnlich
aber nicht bemerkt. Ähnlich kann man sagen, Bewußtheit kommt
durch eine ständige Bewegung, einem Wechsel zwischen Erleben und Reflexion
des Erlebens, einem ununterbrochenen Hin und Her zwischen diesen beiden
Ebenen zustande.
Unterscheidungen
der drei Grundformen der Aufmerksamkeit
freischwebend, gerichtet, gerichtet und verdichtet
= konzentriert
Im Wachzustand kann meine Aufmerksamkeit ungelenkt
und freischwebend aufmerksam sein. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf bestimmte
Objekte, Geschehnisse oder Tätigkeiten richten und ich kann das sehr
verdichtet, alles andere abgeschirmend, d.h. sehr konzentriert tun. Das
sind drei Grundformen der Aufmerksamkeit: freischwebend, gerichtet, verdichtet
= konzentriert.
Eine andere und "höhere" Ebene ist die Einnahme
der Meta-Perspektive. Ich betrachte meine freischwebende, gerichtete oder
verdichtete Aufmerksamkeit und reflektiere sie.
Wie
ist Aufmerksamkeitsverdichtung (Konzentration) möglich und erklärbar
?
Theoretisch sind verschiedene Modelle denkbar, etwa daß die freischwebende
Aufmerksamkeit trotz Konzentration erhalten bleibt. Dies widerspricht aber
der Alltagserfahrung. Je mehr man sich konzentriert und einer Betätigung
hingibt, desto mehr tritt das Andere in den Hintergrund, was u.a. als ein
Kriterium für die Hingabe gilt. Hier scheint eine reziproke Beziehung
vorzuliegen, wie es obige Illustration bildlich ausdrückt: je mehr
die Aufmerksamkeit freischwebt, desto weniger gerichtete und verdichtete
Aufmerksamkeit ist möglich und umgekehrt.
Psychosomatische
Modelle der Aufmerksamkeit
Alles psychische Geschehen ist nicht nur an die Biologie
("Materie") gebunden, sondern kann auch unter ihrer biologischen oder
neurobiologischen Repräsentation
betrachtet werden. Das ist etwa dann der Fall, wenn man fragt, welche Neurotransmitter
oder biologischen Vorgänge Ausdruck des Aufmerksamkeitsprozesses sind.
Auch neuroanatomische Überlegungen gehören hierher. Psychosomatik
im engeren Sinne betrifft das Wechselspiel biologischer und psychologischer
Aktivitäten. Jede psychologische Aktivität bedeutet auch eine
biologische Aktivität und umgekehrt. Das ist auch der Grund, weshalb
man durch rein psychologische Methoden sein Gehirn und die Neurobiologie
verändern kann, wenn auch natürlich nur begrenzt. Die Psyche
und das Psychologische sind eine eigene Wirklichkeit und nicht nur ein
Epiphänomen.
Dies geschieht alltäglich und fortlaufend. Alles, was gemacht, erinnert,
vorgestellt, phantasiert, gewollt oder erlebt wird, hat eine psychologische
und eine somatische (neurobiologische, physikalische und chemische) Seite
[Welten]. Während psychologische
Theorien nicht unbedingt biologische, pharmakologische, medizinische oder
Physik und Chemie brauchen, stimmt
dies umgekehrt nicht. Wer immer die Aufmerksamkeit aus Sicht der Medizin,
Pharmakologie, Chemie, Physik, Biologie, Neurowissenschaften, Kybernetik
oder Technik erforschen und Aussagen machen will, kommt um psychologische
Begriffe und Modelle nicht herum. Tatsächlich meinen aber die meisten
Nicht-PsychologInnen, daß es psychologischer
Kenntnisse nicht bedarf, um aus anderen Perspektiven psychologische
Phänomene zu erforschen.
Anmerkung anfangen: Damit man
anfängt, muß ein gewisses Interesse, eine gewisse Wertzuweisung,
eine Auswahl
erfolgen. Nicht selten gibt es bei bestimmten Störungen ein typisches
Anfangsproblem. Ein Anfangsproblem kann zwei Hauptursachen haben: 1) es
fehlt an Energie und Antrieb, 2) es fehlt an Lust, Interesse und Werterleben.
In manchen, schwereren Depressionen
können beide Hauptursachen zusammenwirken, das sich im schwersten
Zustand der einer Depression in einer Art Versteinerungserleben, in einem
tief empfundenen Gefühl der Gefühllosigkeit äußern
kann.
Querverweis: Heilmittel-Monographie
Lenken.
Störungen
und Störungsmodelle der Aufmerksamkeit
Es gibt sehr viele Formen und Arten von Aufmerksamkeitsstörungen,
sowohl im normalpsychologischen als auch im Störungsbereich mit Krankheitswert.
Die einzelnen Aufmerksamkeitsstörungen können nach den psychologischen
Aufmerksamkeitsfunktionen - wie oben ausgeführt - einfach geordnet
werden:
Psychologische Funktionen
-
Freischweben lassen
-
richten auf ein Objekt
-
richten und verdichten = konzentrieren auf ein Objekt
-
lenken:
-
anfangen (Wert zuweisen > Bewußtseinssupervision)
-
dabeibleiben
-
unterbrechen
-
zurückkehren
-
prüfen (wie weit bin ich, was brauche ich noch, Ziel erreicht, erreichbar?)
-
beenden
Beispiele:
Befindlichkeit. Wachheit, Müdigkeit
und Abspannung können die Aufmerksamkeit sehr beeinträchtigen.
In solchen Fällen sind Pausen, Erholung, Schlaf- oder (ein kleiner)
Urlaub sinnvoll.
Streß, Angst, Sorgen.
Hier ist die Aufmerksamkeit manchmal auf wenige Themen eingeengt oder übertrieben
zuwendungsbereit, etwa bei der Hypochondrie, wenn es um körperliche
Mißempfindungen geht. Streß, Angst, Sorgen, Befürchtungen
wirken wie Störsender und erschweren anderes zielgerichtetes Handeln
und Arbeiten.
Psychiatrische Störungen:
Bei vielen Psychosen ist die Aufmerksamkeit gestört: Schizophrene
Psychosen, Zyklothymien, Depressionen, (hypo-) maniforme Zustände.
Auch bei Neurologischen
und psychoorganischen Syndromen, z.B. Epilepsien, kann die Aufmerksamkeit
sehr beeinträchtigt sein, kann rasch wechseln, nichts kann Fuß
fassen oder "kleben" und sich schwer lösen oder immer wieder zum selben
Thema zurückkehren (Perseveration).
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom
Überblick
-
Aufmerksamkeitsdefizitgestörte berichten z.B., daß sie sich
auf einer Party nicht auf ein Gegenüber konzentrieren können,
sondern ständig freischwebend ihre Umgebung mit wahrnehmen. Hier gelingt
also die Abschirmung, das Richten und Verdichten auf ein Objekt nicht.
Die Folge sind meist Ablenkungen und Abdriftungen, was vom Gegenüber
als unhöflich oder unangemessen erlebt und bewertet werden kann.
-
Aufmerksamkeitsdefizitgestörte berichten z.B., daß sie sehr
leicht den roten Faden verlieren und auf anderes abdriften, so daß
sie sich leicht verzetteln, vom Hundertsten ins Tausendste geraten und
wenig zielgerichtet und ergebnisreich (nicht effektiv) handeln; sie müssen
dann immer wieder von Neuem anfangen und es kommt so zu viel Leerlauf.
-
Aufmerksamkeitsdefizitgestörte berichten z.B., daß ihre Bewußtseinssupervision
nicht funktioniert, sie vergessen und verschusseln viel, legen Sachen ("Schlüsselproblem")
ab, die sie dann oft nicht einfach wiederfinden, was in lange und sich
wiederholende Suchprozesse einmündet.
-
Aufmerksamkeitsdefizitgestörte berichten z.B., daß ihnen oft
langweilig ist, daß sie keine Lust auf etwas haben, nicht so recht
wissen, was sie im Moment mit sich anfangen könnten. Hier ist offenbar
die Wertzuweisung gestört, so daß keine Objekte bemerkt werden,
auf die sich die Aufmerksamkeit zum Anfangen richten möchte,
es kommt dann zu ständigen Wechsel und Suchprozessen nach interessierenden
Sachverhalten. Dies hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der agitierten
Depression, wo zwar viel Energie vorhanden ist, aber die Gefühle fehlen,
die diesen Energien eine Richtung verleihen könnten. So schießen
agitiert Depressive voller Energie durch die Gegend, finden aber nichts,
was sie interessiert und gefühlsmäßig bewegt und irren
deshalb von einem Ort zum anderen.
-
Aufmerksamkeitsdefizitgestörte berichten z.B., daß sie innerhalb
kurzer Zeit sehr starke Stimmungsschwankungen haben, was natürlich
die Wertzuweisung und die Aufmerksamkeitslenkung erschwert.
_
Die
Therapie der Bewußtseins- und Aufmerksamkeits-Lenkungsstörungen
Hier gilt zunächst der Grundsatz, daß vorrangig die Grunderkrankung
oder Hauptstörung festgestellt werden muß, weil sich nur danach
die Therapie richten kann und darf. Bei einer Schizophrenie wird man zuerst
die Schizophrenie behandeln, bei einer Depression eben diese wie etwa auch
bei Angst- und Befürchtungsstörungen (Phobien, Hypochondrie).
Erst wenn die Mittel der Behandlung der Grunderkrankung hinreichend eingesetzt
sind, macht es richtigen Sinn, die psychologischen Heilmittel,
Verfahren, Methoden und Techniken zu prüfen.
Sofern eine direkte Heilung, z.B. bei AD-H-D,
nicht möglich ist, muß man lernen, therapeutische Brillen zu
basteln, um entsprechend vorzubeugen, auszugleichen und zu kontrollieren
[Merk-Methoden für AD-H-D;
Kognitive
Therapie einer problemspezifischen Einstellung am Beispiel "Langeweile";
]
Literatur (Auswahl)
> Literatur zur Psychologie
des Bewusstseins.
Links (Auswahl: beachte)
Glossar, Anmerkungen
& Endnoten
GIPT =
General and Integrative
Psychotherapy,
internationale Bezeichnung für Allgemeine und Integrative Psychotherapie.
___
Bewußtseinsstrom (James)
* Kritik der
Bewusstseins-Terminologie von William James * Element
* Bluma Zeigarnik * Epiphänomen
* Neurosciences
braucht keine psychologischen Kenntnisse * Depressionen
können beide Hauptursachen *
___
Bewußtseinsstrom (James)
Der
Ausdruck wird erstmals William James zugeschrieben. In seiner Psychologie
(drt. 1909, S. 148-174) findet sich das Kapitel XI: "Der Strom des Bewusstseins".
Dort entwickelt er seine Theorie, die allerdings schon in den Grundlagen
nicht überzeugt, wenn er S. 149 ausführt:
"Vier Eigentümlichkeiten dos Bewußtseins.
Wie findet es statt? In der Beantwortung dieser Frage bemerken wir sofort
vier wichtige Eigentümlichkeiten, an dem Prozeß, der in dem
gegenwärtigen Kapitel seine allgemeine Behandlung finden soll,
1. Jeder „Zustand" tritt auf mit dem Anspruch Teil eines persönlichen
Bewußtseins zu sein.
2. Innerhalb jedes persönlichen Bewußtseins wechseln
die Zustände fortwährend.
3. Jedes persönliche Bewußtsein ist merklich kontinuierlich.
4. Es interessiert sich ausschließlich für bestimmte
Teile des ihm gegenübertretenden Objekts mit Vernachlässigung
anderer und ist beständig beschäftigt aufzunehmen oder abzuweisen,
kurz zu wählen unter seinen Gegenständen."
Kritik
der Bewusstseins-Terminologie von William James
1) Das Bewusstsein hat keinen Anspruch, auch keinen
persönlichen. Aber es ist jeweils ein persönliches,
an ein ganz bestimmtes Subjekt gebundenes. Es ereignet sich und kann gelenkt
werden (James Punkt 4).
2) Es ist hier unklar, was James mit "Zustände"
meint. Die Bewusstseinsinhalte wechseln nicht fortwährend. Denn man
kann sich konzentrieren und auf einen Inhalt fokussieren, der dann eine
gewisse Zeitdauer relativ konstant bleibt.
3) Diese erscheint mir sehr zweifelhaft. Die alltäglich
und psychopathologische Erfahrung lehrt, dass das Bewusstsein unterbrochen
sein, Löcher und Lücken haben kann.
4) Die Bewusstseinslenkung ist meist nicht Gegenstand
des Bewusstseins. Wir erleben gewöhnlich nicht, dass und wie wir lenken,
aber wir tun es. Die Bewusstseinsinhalte sind lenkbar, wie jeder aus seinem
Alltagsleben weiss und überprüfen kann, wenn wir auch keine Lern-
und Lenkkultur zu den Bewusstseinsinhalten ausgebildet haben und es an
einer klaren operationalen Terminologie fehlt. Lenkung und Wechsel von
Figur und Hintergrund durch Auswahl ist nachvollziehbar.
Es hat den Anschein, als trennte James nicht zwischen
Bewusstseinsinhalt ("Film") und dem Träger, auf den der Bewusstseinsinhalt
projiziert oder dargestellt wird - anders Wundt,
der 1874 scharfsinnig ausführte:
„Da das Bewußtsein selbst die Bedingung aller inneren Erfahrung
ist, so kann aus dieser nicht unmittelbar das Wesen des Bewußtseins
erkannt werden. Alle Versuche dieser Art führen daher entweder zu
tautologischen Umschreibungen 1) oder zu Bestimmungen
der im Bewußtsein wahrgenommenen Tätigkeiten, welche eben deshalb
nicht das Bewußtsein sind, sondern dasselbe voraussetzen . 2)“
1) "So die Definition Herbart's und seiner Schule:
das Bewußtsein ist die Summe aller wirklichen oder gleichzeitig gegenwärtigen
Vorstellungen (Herbart V, S. 208, VOLKMANN, Psychologie S. 90). Die wirklichen
oder gegenwärtigen sind eben nur tautologisch für die bewußten
Vorstellungen gesetzt.“"
2) "„Hierher gehören alle jene Auffassungen,
nach welchen das Bewußtsein eine unterscheidende, eine Subjekt und
Objekt einander gegenüberstellende Tätigkeit ist. Indem diese
Theorien zwischen Bewußtsein und Selbstbewußtsein keinen wesentlichen
Unterschied machen, verraten sie ihre Beeinflussung durch die idealistischen
Systeme Fichte's und HEGEL'S. Von neueren Psychologen gehören hierher
George (Lehrbuch der Psychologie, S. 229), ULRICI (Leib und Seele, S. 274);
auch meine eigene frühere Auffassung entspricht diesem Standpunkte
(Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele I S. 285). Verwandt
sind jene Ansichten, welche das Bewußtsein auf einen inneren Sinn,
auf eine besondere die Vorstellungen erleuchtende Tätigkeit zurückführen.
Vergl. Fortlage, System der Psychologie I, S. 57. J. H. Fichte, Psychologie
I, S. 83.“"
Quelle 1874: Grundzüge der physiologischen
Psychologie, 18. Kapitel, Bewußtsein und Aufmerksamkeit, zitiert
nach der digitalen Ausgabe Wilhelm Wundt (1832-1920) und die Anfänge
der experimentellen Psychologie, Jubiläums-ausgabe zur 125-Jahr-Feier
seiner Institutsgründung. [Ohne Seitenzahlen]
___
Element Bewußtseinselemente
können z.B. sein: eine äußere oder innere Wahrnehmungen,
Gedanken, Erinnerung, Bedürfnis, Wunsch, Interesse, Stimmung, Gefühl,
Plan, Ziel, Vorsatz, Abwägung, Befindlichkeitszustand, Vorstellung,
Phantasie, Erfahrungen.
___
Bluma Zeigarnik 9.11.1900 - 24.2.1988
Moskau. Ihre berühmte experimentelle Studie erschien 1927: "Das Behalten
erledigter und unerledigter Handlungen." Psychologische Forschung, Bd.
IX, Heft 1/2, 1-85 (eingegangen am 25.3.1927). Ein weiteres Werk wurde
1961 ins Deutsche übersetzt: "Denkstörungen bei psychiatrischen
Krankheitsbildern. Eine experimentalpsychologische Untersuchung." Berlin:
Akademie. Offenbar blieb sie Zeit ihres Berufslebens ihrer experimentell-orientierten
Haltung treu. [1,
2,
]
___
Epiphänomen gr., Neben- oder
Begleiterscheinung, d.h. ohne eigene Bedeutung. Verschiedene materialistisch,
naturwissenschaftlich, biologisch orientierte BewußtseinstheoretikerInnnen
- z.B. Rohracher, betrachten z.B. das Bewußtsein als ein sog. Epiphänomen,
ohne besondere eigenständige Bedeutung wie z.B. das Bild, das man
in einem Spiegel oder spiegelnden Medium sehen kann, z.B. das Spiegelbild
eines über einen See fliegenden Vogels, dem man auch keine eigene
Bedeutung zuspricht: Epiphänomenalismus. Psychologisch ist das wichtigste
Argument gegen die Bedeutung des Bewußtseins, etwa als Stätte
des freien Willens, daß alle wesentlichen Entscheidungen oder Erscheinungen,
wenn
sie im Bewußtsein erscheinen, bereits als Bewirktes
angesehen werden müssen, so daß sich bei oberflächlicher
Betrachtung der Eindruck ergibt, bewußte Entscheidungen gäbe
es gar nicht und in der Folge dann auch keinen freien
Willen. Dies kann leicht durch folgendes Alltagsbeispiel widerlegt
werden: Nehmen wir an, ich spüre Durst. Das Bedürfnis Durst gelangt
mir zum Bewußtsein. Keine Willensfreiheit gäbe es, wenn ich
z.B. das Trinkbedürfnis nicht zurückstellen könnte. Tatsächlich
wird sich, je nach Situation, eine Abwägung ergeben, was, wann und
wo ich wie viel trinken werde.
___
Neurosciences
braucht keine psychologischen Kenntnisse Was dabei herauskommt, kann
man z.B. an einigen schrecklichen Veröffentlichungen der sog. Neuroscience
sehen [1,
2,
Rätsel-Ich,
Ich-Hirn].
___
Depressionen
können beide Hauptursachen Für die Therapie ist es bei der
Depression wichtig, daß zuerst die Stimmungskomponente
und dann die Antriebskomponente angehoben (aktiviert) wird, und nicht umgekehrt,
um die Selbstmordrisiken nicht zu erhöhen.
___
Querverweise
Überblick Psychologie
des Bewußtseins. Literatur- und Linkliste.
Unterscheiden, auswählen,
wählen, auserwählt im Alltag und gesellschaftlichen Leben.
* Werten * Wünschen
und Wollen * Lenken *
Welten
* Normen * Dysfunktionale
Selbstaufmerksamkeit * Selbstbild
* AD-H-D * Merk-Methoden
für AD-H-D *
* Überblick:
Abstrakte Grundbegriffe aus den Wissenschaften. * Terminologische
Grundlagen *
Wissenschaft in der IP-GIPT.
Zitierung
Sponsel, Rudolf (DAS).
Psychologie des Bewußtseins und der Aufmerksamkeit. Zur Psychotherapie
der Bewußtseins- und der Aufmerksamkeits-Lenkung.
Zugleich AD-H-D Forschungsbericht 2004-2. IP-GIPT. Erlangen: http://www.sgipt.org/gipt/allpsy/bewus/ppp_ba.htm
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Änderungen wird gelegentlich überarbeitet,
ergänzt, vertieft, kleine Änderungen werden nicht extra dokumentiert.
02.02.13 Wundtzitat zur Abgrezung James'.
12.05.09 Link: Speichern
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