Diagnostik, Komorbidität und die Probleme der
Differentialdiagnose
Symptom, Syndrom, Störung, Krankheit
aus Sicht der Allgemeinen und Integrativen Psychotherapie
von Rudolf Sponsel, Erlangen
Übersicht: 1. Folge 25.8. und 28.8.1998 (organisatorisch 12.11.98)
Hilfs-Definitionen
zum Symptom und Syndrom-Begriff
in der Allgemeinen und Integrativen Psychotherapie
Diagnostisches Grund-Problem: Was ist zu diagnostizieren? Welche Sachverhalte repräsentieren eine diagnostische "Einheit"? Produzieren diagnostische "Einheiten" ("Störungen", "Krankheiten", "Syndrome", "Symptome") immer die gleiche Gestalten und Ausdrucksformen? Welche Zeichen deuten auf welche Zeichen? Wie eindeutig, wie klar, wie beständig?
Diagnostisches Problem der Fluktuation: Viele Störungen oder Krankheiten produzieren Symptome oder Syndrome nicht immer und beständig, sondern die relativen Häufigkeiten schwanken. Es ist von daher gesehen faktisch sehr schwierig, eine Störung oder Krankheit eindeutig und klar zu definieren. Was tut man also im Einzelfall, wenn ein Symptom oder ein Syndrom fehlt? Die internationalen Diagnosesysteme haben das Problem so gelöst, dass sie eine Menge relevanter Kriterien festlegen und aus diesen eine minimale Auswahl verlangen, z. B. das DSM IV für Borderline Störungen ein Minimum von 5 aus 9 Kriterien.
Differentialdiagnostisches Problem1): Viele Störungen oder Krankheiten produzieren, ähnliche oder gleiche Syndrome oder Symptome, d. h. daß viele Symptome unterschiedliche Syndrome bedeuten oder anzeigen können. Wie können wir also sicher stellen, dass ein Symptom oder Syndrom eine diese Störung oder Krankheit anzeigt und nicht jene oder eine andere?
Komorbiditaets-Problem: Viele Störungen, Krankheiten, Syndrome, Symptome können zusammen auftreten. Eine Mensch kann ja an mehrerem leiden (Die Medizin formuliert schwarz-humorig: Man kann Läuse und Flöhe haben). Dies führt in der klinischen Praxis zu komplizierten Überlappungen und zahlreichen "Sonderformen", so sich die differentialdiagnostische Komorbiditätsfrage stellt: um welcheKonstellation handelt sich sich, welche Störungen und Krankheiten liegen hier vor?
Klinisches Beispiel:
Differentialdiagnose zwischen Hyperaktivitäts
(ADHD)- und Borderline-Syndrom.
Es sind folgende Fälle möglich:
1) Das Syndrom der PatientIn rührt sowohl von
ADHD als auch von Borderline
2) Das Syndrom der PatientIn rührt von ADHD
aber nicht von Borderline
3) Das Syndrom der PatientIn rührt nicht von
ADHD aber von Borderline
4) Das Syndrom der PatientIn rührt weder von
ADHD noch von Borderline
Symbolisieren wir mit der Grösse der Kreise unterschiedliches Gewicht, Anzahl oder Auspraegung von Syndromen oder Symptomen, ergeben sich folgende Möglichkeiten:
Abbildung 1 Symptom (Item) Konstellationen (Kombinationen)

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Globales Screening- und speziell ergaenzendes Baukastenprinzip
(3) Ergeben sich Hinweise, dass ein spezielles Syndrom möglicherweise eine stärkere Rolle spielen könnte, kann und soll man zur weiteren Abklärung mit einem ausführlicheren speziellen Verfahren nachsetzen. |
Einfaches
Formales Symptom-Syndrom-Matrix-Modell der Differentialdiagnose
in der Allgemeinen und Integrativen Psychotherapie
Das einfache Modell enthält in den Zeilen Symptome und in den Spalten
Syndrome. In der jeweiligen Zelle stehen dann im allereinfachsten Fall
1A= Symptom
vorhanden, 0A=
Symptom nicht vorhanden oder Symptomausprägungen, z.B. stark, mittel,
deutlich, wenig, gar nicht.
Z1 Z1S1
Z1S2 Z1S3
. . . Z1Sj
. . . Z1S
m
Z2 Z2S1
Z2S2
Z2S3 . . . Z2Sj
.
. . Z2S m
Z3 Z3S1
Z3S2
Z3S3 . . . Z3Sj
.
. . Z3S m
.
. .
. . . . . . . . .
. .
. . . . . .
. . . .
. .
. . . . . .
. . . .
Zi ZiS1
ZiS2
ZiS3 . . . ZiSj
.
. . ZiS m
.
. .
. . . . . . . . .
.
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. . . . . . . . .
.
. .
. . . . . . . . .
Zn ZnS1
ZnS2
ZnS3 . . . ZnSj
.
. . ZnS m
Z1 Symptom Angst für Angstsyndrom
Z2 Symptom vemehrte Schweissabsonderung für
Angstsyndrom
Z3 Symptom erhöhte Atemfrequenz für
Angstsyndrom
Z4 Symptm Pupillenweite für Angstsyndrom
Z5 Symptom Muskelanspannung für Angstsyndrom
Z6 Symptom Fluchtimpuls für Angstsyndrom
Z7 Symptom Kampfimpuls für Angstsyndrom
Z8 Symptom erhöhte Erregung für Angstsyndrom
....
Zi
....
Zn
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Nach dem einfachen Modell der Symptom-Syndrom-Matrix ergibt sich: Das differentialdiagnostische Problem ist theoretisch lösbar, wenn sich alle Spalten eindeutig voneinander unterscheiden und praktisch lösbar, wenn sich alle Spalten in der Praxis eindeutig voneinander unterscheiden lassen. Beachte: "Ungewichtete" Kriterien sind gleichgewichtete Kriterien. Bemerkung:
|
Komplexes
Differentialdiagnostisches Symptom-Syndrom-Modell
in der Allgemeinen und Integrativen Psychotherapie
Betrachtet man sich das einfache formale Symptom-Syndrom-Matrix-Modell, so fällt auf, dass dieses die einfache Form einer Matrix hat: es gibt n Zeilen und m Spalten.
Gegen das einfache Symptom-Syndrom-Matrix-Modell sind nun eine Reihe von ernst zu nehmenden Einwendungen zu beachten:
(1) Im einfachsten Fall wird die Zelle einer solchen Symptom-Syndrom-Matrix für ein Symptom den Vermerk (Codierung) Ja=1A oder Nein=0A haben. Hier sind dann Häufigkeit, Stärke, Situationsbedingungen, Dauer, Entwicklung, Verlauf und mögliche andere wichtige Kriterien nicht berücksichtigt.
(2) Viele Symptome haben unterschiedliches Gewicht. Wir haben das oben durch die Differenzierungen Kern-, Rand- und Nebensymptome zum Ausdruck gebracht, die im einfachen Symptom-Syndrom-Matrix-Modell nur schwer beruecksichtigt werden können. In der Psychopathologie Kurt Schneiders (1973, S. 135) fand dies seinen Ausdruck in den sogenannten Symptomen 1. Ranges für die Diagnose Schizophrenie, denen eine stärkere Bedeutung als Symptome 2. oder minderen Ranges zuerkannt wurde.
(3) Die einfache Symptom-Syndrom-Matrix lässt keine Interpretation
für logische Verknüpfungen zwischen den einzelnen Symptomen zu
und dürfte von daher wenig realitätsangemessen sein.
Z Zeichen
S= Syndrome, Stoerungen, Krankheiten
Merkmale
R= Relationen mit anderen Merkmalen
Symptome S1 S2
S3
. . . Sj
. . .
Sm
Z1 Z1S1R11
Z1S2
R12
Z1S3R13
.
. . Z1SjR1j
. . . Z1SmR1m
Z2 Z2S1R21
Z2S2
R22
Z2S3R23
. . . Z2SjR2j
.
. . Z2SmR2m
Z3 Z3S1R31
Z3S2
R32
Z3S3R33
. . . Z3Sj
R3j
.
. . Z3SmR3m
.
. .
. . . . . . . .
.
. .
. . .
. . . . . .
.
. .
. . .
. . . . . .
.
Zi ZiS1Ri1
ZiS2Ri2
ZiS3Ri3
. . . ZiSj
Rij
.
. . ZiSmRim
.
. .
. . . . . . . .
.
.
. .
. . . . . . . .
.
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. . . . . . . .
.
Zn ZnS1Rn1
ZnS2Rn2
ZnS3Rn3
.
. . ZnSj
Rnj. . . ZnSmRnm
Beispiel S1= Aufmerksamkeits Defizit
(und Hyperaktivitäts) Störung (AD-H-D)
| Z1S1R11 = | Probleme mit aufmerksam sein, aber nicht wenn etwas gefällt oder Interesse da ist. |
| Z2S1R21 = | Grosse Probleme mit Beherrschung, Geduld und warten können, wenn ein wichtigeres Motiv aktiviert wurde. |
| Z3S1R31 = | Beziehungsprobleme (Freundschaften und Partnerschaften halten können), hier z. B. unter der Bedingung [Z1S1R11 undZ2S1R21] = erfüllt. |
Bemerkung: Beziehungsprobleme kommen bei vielen Stoerungen vor,
sind aber auch
bei AD-H-D wichtig und besonders zu sehen. Man kann aber sie aber speziell
fuer AD-H-D
nur dann zaehlen, wenn vorher spezifische AD-H-D Kennzeichen
gesichert wurden.
Gewichtetes Komplexes Differentialdiagnostisches Symptom-Syndrom-Modell
Z Zeichen S=Syndrome,
Störungen, Krankheiten
Merkmale R= Relationen
mit anderen Merkmalen
Symptome g=
Gewicht, das dem Symptom fuer das Syndrom zukommt
S1 S2
S3 ... Sj
... Sm
Z1 g11Z1S1R11
g12Z1S2
R12
g13Z1S3R13
...g1jSjR1j
...
g1mZ1SmR1m
Z2 g21Z2S1R21
g22Z2S2
R22
g23Z2S3R23
...
g2jZ2SjR2j
...
g2mZ2SmR2m
Z3 g31Z3S1R31
g32Z3S2
R32
g33Z3S3R33
...
g3jZ3SjR3j
...
g3mZ3SmR3m
. ...
... ...
... ... ...
...
. ...
... ...
... ... ...
...
. ...
... ...
... ... ...
...
Zi gi1ZiS1Ri1
gi2ZiS2Ri2
gi3ZiS3Ri3 ... gijZiSjRij
...
gimZiSmRim
. ...
... ...
... ... ...
...
. ...
... ...
... ... ...
...
. ...
... ...
... ... ...
...
Zn gn1ZnS1Rn1
gn2ZnS2Rn2
gn3ZnS3Rn3 ... gnjZnSjRnj
...
gnmZnSmRnm
Beispiele:
(1) Schlafstörungen: Im GIPT AD-H-D Test haben wir vier Items zu folgenden Schlafstörungen erfasst: (a) Einschlafen, (b) Durchschlafen, (c) Erholungswert des Schlafes, (c) Alpträume. Diese Schlafstörungen können unterschiedliches Gewicht für verschiedene Syndrome haben. Charakteristisch für eine schwerere Depression ist z. B. das frühe Aufwachen und nicht mehr richtig einschlafen können. Das ist aber auch typisch fuer eine sorgenvolle Lebenssituation. Ist z. B. unsicher, ob die Beantwortung der Depressionsitems eine Depression anzeigen, kann z. B. zusätzlich das Durchschlaf-Item zur weiteren Abklärung herangezogen werden.
(2) Die Symptome 1. Ranges
für das Vorliegen einer Schizophrenie nach Kurt
Schneider (101973, S. 135): "Gedankenlautwerden, Hoeren
von Stimmen in der Form von Rede und Gegenrede, Hoeren von Stimmen, die
das eigene Tun mit Bemerkungen begleiten, leibliche Beinflussungserlebnisse,
Gedankenentzug und andere Gedankenbeeinflussungen, Gedankenausbreitung,
Wahnwahrnehmung, sowie alles von andern Gemachte und Beeinflusste auf dem
Gebiet des Fühlens, Strebens (der Triebe) und des Wollens. Wo derartige
Erlebnisweisen einwandfrei vorliegen und keine körperlichen Grundkrankheiten
zu finden sind, sprechen wir klinisch in aller Bescheidenheit von Schizophrenie."
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z.B. Syndrom site:www.sgipt.org * Differentialdiagnose site:www.sgipt.org |